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C2Stil und Register16 Min. Lesezeit

wissenschaftliches Englisch — Konventionen in Fachtexten

Zeitformen im Methodenteil, Zitierverben, Hedging und Artikelgebrauch bei Fachbegriffen — die harten Konventionen echter Fachtexte.

Das kannst du danach

  • Du setzt in jedem Abschnitt eines Fachartikels die dort übliche Zeitform.
  • Du wählst Zitierverben nach dem Grad der Zustimmung, den du ausdrücken willst.
  • Du dosierst Hedging so, dass eine Aussage prüfbar bleibt statt schwammig zu werden.
  • Du behandelst Fachbegriffe, Modelle und Messgrößen artikelgerecht.
  • Du erkennst, welche Übertragungen aus dem deutschen Wissenschaftsstil im Englischen unangenehm auffallen.

Wovon dieser Text handelt und wovon nicht

Die Grundlagen des akademischen Stils — unpersönliche Formulierung, Nominalstil, sachliche Wortwahl — stehen in der Lektion zum akademischen Schreiben auf C1. Hier geht es um die Ebene darüber: die Konventionen, die in einer Fachzeitschrift tatsächlich abgeprüft werden. Welche Zeitform im Methodenteil steht. Welches Zitierverb wie viel Zustimmung transportiert. Wie viel Absicherung eine Aussage verträgt, bevor sie nichts mehr behauptet. Ob es the pH oder pH heißt.

Diese Konventionen sind keine Geschmacksfragen. Ein Gutachter, der einen Text auf Englisch liest, erkennt an drei Sätzen, ob jemand in dieser Textsorte zu Hause ist. Und die typischen Auffälligkeiten deutschsprachiger Autoren sind so gleichförmig, dass man sie einzeln durchgehen kann.

Der wichtigste Unterschied vorweg: Der deutsche Wissenschaftsstil belohnt Dichte und Länge, der englische belohnt Nachvollziehbarkeit. Ein deutscher Satz darf drei Nebensätze schachteln und die Aussage im letzten Wort auflösen; dasselbe auf Englisch gilt als schlecht geschrieben, unabhängig davon, wie korrekt es ist. Der Nominalstil ist im Englischen ein Werkzeug für einzelne Stellen, nicht die Grundeinstellung des ganzen Textes.

Zeitformen nach Abschnitt

Ein Fachartikel folgt der Gliederung Introduction, Methods, Results, Discussion, und jeder Abschnitt hat seine eigene Voreinstellung bei der Zeitform. Das ist die härteste Konvention des ganzen Genres und zugleich die, die am schnellsten zu lernen ist.

In der Einleitung steht Präsens für gesichertes Wissen und für das, was ein Text tut: Protein folding depends on temperature. This paper examines three models. Für den Forschungsstand steht das Present Perfect, weil die Ergebnisse bis in die Gegenwart gelten: Several studies have shown a link between the two. Sobald du eine einzelne Studie mit Autor und Jahr nennst, wechselst du ins Simple Past: Meyer (2019) found no such effect.

Im Methodenteil steht ausnahmslos Simple Past, meist im Passiv: Samples were collected over six weeks. Das ist der Abschnitt, in dem das fortgeschrittene Passiv seine Berechtigung hat, weil der Handelnde tatsächlich uninteressant ist. Präsens ist hier falsch, auch wenn das Verfahren weiterhin angewandt wird.

Der Ergebnisteil steht ebenfalls im Simple Past, wenn er beschreibt, was gemessen wurde, und im Präsens, wenn er auf Abbildungen verweist: Figure 3 shows the distribution. Diese Doppelung wirkt willkürlich, ist aber fest: Die Messung ist vergangen, die Abbildung existiert weiterhin.

In der Diskussion kehrst du ins Präsens zurück, weil du Bedeutung zuschreibst, und in die Modalverben, weil du interpretierst. Genau hier entscheidet sich, ob ein Text seriös klingt oder überzogen.

AbschnittZeitformBeispiel
Einleitung, gesichertes WissenSimple PresentCortisol rises under stress.
Einleitung, ForschungsstandPresent PerfectResearch has focused on adults.
Einzelne Studie mit JahrSimple PastWeber (2021) reported a decline.
MethodenSimple Past, meist PassivThe solution was heated to 60 °C.
Ergebnisse, MessungSimple PastScores dropped in both groups.
Ergebnisse, Verweis auf AbbildungSimple PresentTable 2 lists the values.
Diskussion, DeutungPräsens plus ModalverbThis may indicate a threshold effect.

Zitierverben tragen Bewertung

Im Deutschen kommt man in einem Fachtext mit zeigen, feststellen und darauf hinweisen weit. Das Englische verlangt eine feinere Wahl, und jedes Zitierverb verrät, wie weit du der zitierten Arbeit folgst. Wer alles mit says oder shows referiert, klingt entweder naiv oder unaufmerksam. Die Auswahl gehört zu den Verben des Berichtens, hat im Fachtext aber eine engere Skala.

Neutral referierend sind report, describe, examine, note. Zustimmend sind demonstrate, establish, show, confirm — sie behaupten mit, dass die Sache stimmt. Distanziert sind claim, assert, suggest, propose; wer claim schreibt, signalisiert, dass er die Aussage nicht teilt. Zwischen suggest und show liegt in einem Gutachten mehr Unterschied als in drei Absätzen Begründung.

Zu beachten ist außerdem, welches Satzmuster ein Verb verlangt. suggest steht nie mit Objekt und Infinitiv: nicht The data suggest the model to be wrong, sondern The data suggest that the model is wrong. Bei einer Empfehlung folgt der formelle Konjunktiv: We suggest that the sample be reanalysed, ohne s und ohne should. Diese Formen wirken altertümlich, sind in amerikanischen Fachzeitschriften aber die Norm; britische Texte setzen häufiger should ein.

VerbHaltungMuster
report, note, describeneutralX reports that …
show, demonstrate, establishzustimmendX shows that …
suggest, indicate, implyvorsichtigThe data suggest that …
argue, propose, maintainPosition des AutorsX argues that …
claim, assert, allegedistanziert bis skeptischX claims that …

Hedging, aber dosiert

Absicherung ist im englischen Fachtext Pflicht. Eine Aussage, die mehr behauptet, als die Daten hergeben, gilt als handwerklicher Fehler, nicht als mutige These. Die Mittel dafür sind die der Abschwächung: Modalverben (may, might, could), Verben (appear, seem, tend to), Adverbien (possibly, largely, to some extent) und Mengenangaben (a number of, in most cases).

Die Kunst liegt in der Dosierung. It may possibly be argued that this could perhaps indicate a tendency ist kein vorsichtiger Satz, sondern ein leerer. Als Faustregel gilt: eine Absicherung pro Aussage. Entweder das Modalverb oder das Adverb, nicht beides. This may indicate a threshold effect ist ein prüfbarer Satz; This might possibly indicate a possible threshold effect ist keiner mehr.

Deutschsprachige neigen hier in beide Richtungen zugleich. In der Diskussion wird zu hart formuliert — der deutsche Wissenschaftsstil verträgt ein schlichtes zeigt, wo das Englische suggests verlangt. In der Einleitung wird dagegen überabgesichert, weil man höflich wirken will. Faustregel: Gesichertes Wissen ohne Hedge, eigene Deutung mit genau einem.

Die Nuancen zwischen may, might, could und can sind dabei keine Stilfrage, sondern Bedeutung, und wer sie beherrscht, hat in der Modalität das schärfste Werkzeug des Genres in der Hand. can beschreibt eine grundsätzliche Möglichkeit (Errors can occur), may eine konkrete im vorliegenden Fall (This may be an artefact), might dieselbe mit mehr Abstand.

Artikel, Fachbegriffe und Messgrößen

Der Artikelgebrauch ist die stillste und häufigste Fehlerquelle. Deutschsprachige setzen the zu oft, weil das Deutsche vor abstrakten Begriffen einen Artikel verlangt: die Sprache, das Wachstum, die Temperatur. Im Englischen steht bei abstrakten und unzählbaren Begriffen in allgemeiner Bedeutung der Nullartikel: Language changes over time, nicht The language changes over time. Das gilt für ganze Disziplinen (research on climate change), für Stoffe (water evaporates) und für Verfahren im Allgemeinen.

Sobald der Begriff auf etwas Bestimmtes im Text zeigt, kehrt the zurück: The temperature of the sample was recorded. Messgrößen mit of-Ergänzung sind fast immer bestimmt, Messgrößen als Symbol dagegen artikellos: pH was measured, aber the pH of the solution. Modelle und Verfahren tragen the, wenn sie benannt sind (the Bradford method), und keinen Artikel, wenn sie als Verfahrensklasse auftreten (regression analysis showed).

Zweiter Klassiker: information, evidence, research, knowledge, feedback und advice sind unzählbar. Es gibt keine informations, keine evidences und keine researches. Wo du zählen musst, brauchst du einen Zähler: three pieces of evidence, two research projects, several findings. Aus dem deutschen Forschungen wird research in the field, nicht researches.

Dritter Klassiker: der Plural von Fachwörtern lateinischer Herkunft. data, criteria, phenomena und media sind Pluralformen. In britischen Fachtexten steht The data were collected; im allgemeinen Sprachgebrauch und in vielen amerikanischen Zeitschriften ist The data is inzwischen üblich. Bei criteria und phenomena bleibt der Singular criterion und phenomenon dagegen verbindlich, und ein this criteria fällt jedem Gutachter auf.

Satzbau, Kohäsion und Zeichensetzung

Ein englischer Fachartikel verteilt Information nach dem Prinzip: Bekanntes zuerst, Neues ans Satzende. Jeder Satz greift am Anfang etwas auf, das der vorige eingeführt hat. Dieses Prinzip trägt die gesamte Kohäsion und ersetzt einen großen Teil der Bindewörter, die deutsche Autoren stattdessen setzen. Wer die Reihenfolge stimmen lässt, braucht deutlich weniger Diskursmarker als er glaubt.

Damit hängt die häufigste Stilkritik zusammen: zu viele Konnektoren. Moreover, furthermore, in addition und however in jedem zweiten Satz wirken im Englischen nicht sorgfältig, sondern angestrengt. Besonders furthermore und thus sind bei deutschsprachigen Autoren überrepräsentiert, weil sie als englische Entsprechungen von des Weiteren und somit gelernt wurden. Ein englischer Fachtext kommt mit weniger aus.

Lange Nominalketten sind zulässig, aber begrenzt. patient satisfaction survey results geht gerade noch; ab vier Gliedern wird die Kette unleserlich, und man löst sie mit of auf. Dass komplexe Nominalphrasen im Englischen ohne Bindestrich stehen, macht sie schwerer lesbar als im Deutschen, wo die Zusammensetzung ein Wort bildet.

Bei der Kommasetzung gelten zwei Regeln, die dem deutschen Gefühl widersprechen. Vor that steht nie ein Komma. Und ein Nebensatz mit which, der zusätzliche Information gibt, braucht ein Komma davor, während der notwendige Relativsatz mit that keines bekommt: The samples that were contaminated were discarded gegen The samples, which had been stored for a year, were discarded. Im ersten Satz wurden nur einige verworfen, im zweiten alle. Der Unterschied ist inhaltlich, nicht dekorativ, und in einem Methodenteil kann er den Text falsch machen.

Häufige Fragen

Welche Zeitform gehört in den Methodenteil eines englischen Fachartikels?
Simple Past, in aller Regel im Passiv: The samples were collected in March. Präsens ist dort falsch, auch wenn das Verfahren weiterhin verwendet wird, denn beschrieben wird die durchgeführte Untersuchung. Erst in der Diskussion kehrst du ins Präsens zurück.
Heißt es the research oder research?
Ohne Artikel, solange du allgemein über Forschung sprichst: Research on this topic is scarce. Mit the nur, wenn eine bestimmte, im Text benannte Untersuchung gemeint ist: The research reported here. research ist außerdem unzählbar, es gibt keine researches.
Wann schreibe ich shows und wann suggests?
shows behauptet mit, dass die Aussage zutrifft, und passt nur zu belastbaren Befunden. suggests hält Abstand und passt zu allem, was gedeutet wird. In der Diskussion eigener Ergebnisse ist suggests fast immer die richtige Wahl, weil eine einzelne Studie selten etwas zeigt.
Darf ich in einem englischen Fachtext we benutzen?
Ja, in den meisten Disziplinen inzwischen ausdrücklich. We measured ist klarer und kürzer als Measurements were taken. Prüfe aber die Autorenrichtlinien der Zeitschrift, denn einige Fächer und viele Journale bestehen weiterhin auf der unpersönlichen Passivform im Methodenteil.
Sind data Singular oder Plural?
Ursprünglich Plural, und in britischen Fachtexten bleibt The data were collected der sichere Standard. Im allgemeinen Sprachgebrauch und in vielen amerikanischen Zeitschriften ist The data is inzwischen akzeptiert. Bei criterion und phenomenon gilt diese Aufweichung nicht, dort ist der Singular verbindlich.

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