Das kannst du danach
- Du wandelst Verben und Adjektive systematisch in Nomen um und kennst die üblichen Endungen.
- Du erkennst, warum der englische Fachtext den Nominalstil anders bewertet als das Deutsche.
- Du baust nominalisierte Sätze wieder zurück, wenn sie unlesbar werden.
- Du verbindest Nominalisierung mit Passiv und Artikelgebrauch, ohne dass der Satz kippt.
- Du erkennst die typischen Übertreibungen und vermeidest sie im eigenen Text.
Was Nominalisierung überhaupt ist
Nominalisierung heißt: Ein Vorgang, der eigentlich in einem Verb steckt, wird in ein Nomen gepackt. Aus They decided quickly wird their quick decision. Aus The government failed to respond wird the government's failure to respond. Der Inhalt bleibt derselbe, aber die Handlung steht nicht mehr als Tätigkeit im Satz, sondern als Ding. Dinge lassen sich zählen, bestimmen, mit Attributen versehen und weiterverarbeiten — genau das macht den Nominalstil im Fachtext so brauchbar.
Formal passiert dabei zweierlei. Erstens bekommt das Verb eine Endung: -tion, -ment, -ance, -al, -ure, -ing. Zweitens verlieren die Satzglieder ihre Rollen als Subjekt und Objekt und werden zu Attributen: aus dem Subjekt wird ein Possessiv oder eine of-Fügung, aus dem Adverb ein Adjektiv. Quickly wird zu quick, they wird zu their. Wer diese beiden Bewegungen zusammen sieht, kann jede Nominalisierung in beide Richtungen fahren.
Das Ergebnis ist selten ein selbständiger Satz. Eine Nominalisierung ist ein Baustein, der irgendwo eingesetzt wird: als Subjekt (The decision was unpopular), als Objekt (We regret the delay), nach einer Präposition (after the introduction of the new rules). Deshalb hängt sie eng an der Frage, welche Präposition nach einem Nomen steht — of, in, to oder for entscheiden mit darüber, ob der Satz englisch klingt.
Nominalisierung ist kein Extra für Fortgeschrittene, sondern das, was einen C1-Text von einem B2-Text unterscheidet. Auf B2 reiht man Hauptsätze mit Verben. Auf C1 verdichtet man mehrere Aussagen zu einer Nomengruppe und stellt die Verbindung über ein einziges Verb her. Wer das kann, schreibt kürzer und wirkt zugleich sachlicher.
| Verb | Nomen | Endung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| decide | decision | -sion | the decision to postpone the launch |
| improve | improvement | -ment | a marked improvement in quality |
| fail | failure | -ure | the failure of the system |
| resist | resistance | -ance | strong resistance from the staff |
| arrive | arrival | -al | on the arrival of the goods |
| analyse | analysis | -sis | a careful analysis of the data |
| train | training | -ing | training for new employees |
Warum das Deutsche hier ein falsches Warnsignal sendet
Im Deutschunterricht lernt fast jeder denselben Satz: Nominalstil ist schlecht. Streich die Substantivierungen, schreib in Verben. Und für deutsche Verwaltungsprosa stimmt das auch — „unter Berücksichtigung der Erfordernisse der Antragstellung“ ist eine Zumutung. Aus dieser Schulung nehmen viele mit, dass Nominalisierung generell ein Stilfehler sei, und übertragen die Warnung ungeprüft aufs Englische.
Dort gilt sie so nicht. Im englischen Fach-, Wirtschafts- und Wissenschaftstext ist der Nominalstil nicht die Ausnahme, sondern die Grundform. The introduction of the policy led to a reduction in complaints ist kein steifer Satz, sondern ein völlig normaler. Ein deutscher Schreiber, der das ins Verbale zurückbaut — After the policy was introduced, fewer people complained —, schreibt einen korrekten, aber merklich einfacheren Text. Für eine Erzählung ist das richtig, für einen Bericht wirkt es unterbestimmt.
Der Grund liegt in der Sprachstruktur. Deutsche Nominalisierungen bauen lange Ketten mit Genitiven und Komposita, die den Leser durch drei Kasus schicken. Englische Nominalisierungen bleiben kurz, weil das Englische keine Kasusendungen hat und die Verbindung über Präpositionen oder schlichte Voranstellung herstellt: risk assessment procedure. Was im Deutschen schwerfällig wird, bleibt im Englischen kompakt — das ist der ganze Unterschied.
Praktisch heißt das: Beim Schreiben auf Englisch ist die deutsche Faustregel „nimm Verben“ kein guter Ratgeber. Der bessere Test ist, ob der Satz noch ein aussagekräftiges Vollverb hat. Solange irgendwo ein echtes Verb den Zusammenhang trägt, darf die Nomengruppe verdichten. Erst wenn nur noch is, has oder make übrig bleiben, wird es papieren.
Diese Registerfrage gehört eng zusammen mit dem, was in formellem und informellem Register insgesamt gilt: Nominalstil ist ein Formalitätsschalter. Ein Nomen hebt den Ton, ein Verb senkt ihn.
Die Umwandlung Schritt für Schritt
Nimm einen Satz: The company announced that it would close two factories, and this surprised the market. Schritt eins: Suche das Verb, das den Kern trägt — announced. Schritt zwei: Bilde das Nomen — announcement. Schritt drei: Mache das Subjekt zum Attribut — the company's announcement. Schritt vier: Hänge den Inhalt mit that oder of an — the company's announcement of two factory closures. Schritt fünf: Setze die Nomengruppe als Subjekt oder Objekt in einen neuen, kürzeren Satz: The company's announcement of two factory closures surprised the market.
Aus zwei Sätzen ist einer geworden, und die Verbindung, die vorher ein blasses and this leistete, steckt jetzt im Verb surprised. Genau darin liegt der Gewinn: Nominalisierung schafft Platz für ein präziseres Hauptverb. Dieser Effekt macht sie auch zum Werkzeug für Textkohäsion, weil eine Nomengruppe das Gesagte aufnehmen und im nächsten Satz als bekannt behandeln kann.
Beim Subjekt gibt es zwei Wege. Bei Menschen und Organisationen steht meist das Genitiv-s: the minister's resignation. Bei Sachen steht of: the collapse of the bridge. Beide Varianten sind nicht beliebig austauschbar; the bridge's collapse ist möglich, klingt aber journalistischer, während the resignation of the minister förmlicher wirkt als das Genitiv-s.
Was mit dem Objekt passiert, ist die häufigste Fehlerquelle. They discussed the proposal wird zu the discussion of the proposal, nicht zu the discussion the proposal. Das Englische braucht hier eine Präposition, weil das Nomen keine Objekte regieren kann wie ein Verb. Wer aus dem Deutschen kommt, wo der Genitiv diese Arbeit übernimmt, lässt die Präposition gern weg.
Und dann gibt es die Möglichkeit, gar nicht auf -tion auszuweichen, sondern das Gerundium zu nehmen: the closing of the factory statt the closure. Das Gerundium bleibt näher am Vorgang und wirkt weniger abstrakt; -tion und -ment wirken abgeschlossener und institutioneller. Wer beides kennt, kann fein dosieren.
| Verbaler Satz | Nominalisiert | Wirkung |
|---|---|---|
| We decided to postpone it. | our decision to postpone it | sachlich, weiterverwendbar |
| Costs rose sharply. | a sharp rise in costs | Adverb wird Adjektiv |
| They analysed the data carefully. | a careful analysis of the data | Objekt braucht of |
| The bridge collapsed. | the collapse of the bridge | of statt Genitiv-s bei Sachen |
| She resigned. | her resignation | Genitiv-s bei Personen |
| He arrived late. | his late arrival | Adjektiv vor dem Nomen |
Nominalisierung, Passiv und der verschwundene Handelnde
Nominalisierung und Passiv arbeiten in dieselbe Richtung: Beide erlauben es, den Handelnden wegzulassen. Beim Passiv entfällt das by-Objekt, bei der Nominalisierung entfällt das Possessivattribut. The decision was taken nennt niemanden. The decision to close the plant nennt ebenfalls niemanden. In der Kombination — The decision to close the plant was taken in June — ist der Verantwortliche restlos verschwunden.
Das ist manchmal genau der Zweck. Im wissenschaftlichen Text will man die Person nicht in den Vordergrund stellen, sondern das Verfahren; wie das im Detail funktioniert, gehört zum wissenschaftlichen Schreiben. In der Wirtschaftssprache dagegen ist die anonyme Nominalisierung oft eine bewusste Verschleierung. Englischsprachige Leser lesen diesen Effekt mit, deutschsprachige Schreiber setzen ihn oft ungewollt ein.
Deshalb lohnt beim Überarbeiten eine einfache Frage: Fehlt hier jemand, der eigentlich genannt werden müsste? Wenn ja, hol ihn zurück — entweder ins Possessivattribut (the board's decision) oder ins Verb (The board decided). Wenn nein, ist die anonyme Form die richtige.
Auch der Artikelgebrauch hängt daran. Nominalisierungen schwanken zwischen zählbar und unzählbar, und das entscheidet über a, the oder nichts: We need an improvement gegen We need improvement. Wer bei diesen Fällen unsicher ist, sollte sich den fortgeschrittenen Artikelgebrauch und die Frage zählbar oder unzählbar noch einmal ansehen, denn hier entstehen mehr Fehler als bei der Wortbildung selbst.
Wo es kippt: die Nominalkrankheit
Es gibt eine Grenze, und englische Stilratgeber haben einen Namen dafür: nominalisation sickness oder zombie nouns. Der Satz The implementation of the utilisation of the new documentation procedure resulted in the elimination of duplication besteht fast nur noch aus Nomen. Das einzige Verb, resulted, trägt keinerlei Inhalt. Solche Sätze sind grammatisch tadellos und trotzdem unbrauchbar.
Das Warnzeichen ist immer dasselbe: Das Hauptverb ist leer. Verben wie make, carry out, undertake, achieve, effect, result in stehen dann nur noch da, um die Nomen zu verbinden. We carried out an investigation of the problem statt We investigated the problem. Wenn du in deinem Text ein carry out findest, das nur ein Nomen trägt, kannst du es meist ersatzlos streichen und das Nomen zum Verb machen.
Die zweite Warnung sind mehr als zwei of-Fügungen hintereinander. The review of the effectiveness of the implementation of the policy zwingt den Leser, drei Ebenen im Kopf zu halten. Zwei sind das Maximum, das sich flüssig liest. Alles darüber wird in ein Verb oder einen Relativsatz zurückgebaut.
Die dritte Warnung ist die Häufung im Subjekt. Wenn die Nomengruppe vor dem Verb länger als etwa acht Wörter wird, verliert der Leser die Verbindung. Dann hilft es, den Inhalt nach hinten zu verlagern oder in eine mehrteilige Nominalphrase mit klarerem Aufbau umzustellen.
Die Faustregel für den eigenen Text lautet also nicht „vermeide Nominalisierung“, sondern: eine tragende Nominalisierung pro Satz, dazu ein Verb mit Inhalt. So bleibt der Text dicht, ohne dass er erstarrt.
| Überladen | Besser | Was geändert wurde |
|---|---|---|
| We made a decision to proceed. | We decided to proceed. | leeres Verb entfernt |
| There was a reduction in costs. | Costs fell. | there was aufgelöst |
| The utilisation of the tool | using the tool | Gerundium statt -ation |
| the review of the results of the test | the review of the test results | eine of-Ebene gespart |
| give consideration to the matter | consider the matter | Funktionsverbgefüge aufgelöst |
Britisch, amerikanisch und die Wortbildung
Bei der Schreibung der Nomen gilt der Hausstandard: britisch zuerst. Verben auf -ise oder -ize ergeben organisation gegen organization, realisation gegen realization. Britisch ist beides möglich, -isation überwiegt im Alltag, während wissenschaftliche Verlage in Großbritannien häufig -ization setzen. Amerikanisch ist -ization ohne Alternative. Innerhalb eines Textes muss die Wahl durchgehalten werden.
Ein zweiter Unterschied betrifft die Zählbarkeit. Das amerikanische Englisch nominalisiert etwas freier und bildet Formen wie a big ask oder the disconnect, die im britischen Gebrauch noch als journalistisch auffallen. Für einen Prüfungstext sind sie riskant, im Wirtschaftsenglisch begegnen sie ständig.
Schließlich gibt es Paare, bei denen Nomen und Verb unterschiedlich betont werden: to record gegen a record, to increase gegen an increase, to permit gegen a permit. Das Verb betont die zweite Silbe, das Nomen die erste. Wer beim Sprechen falsch betont, wird verstanden, klingt aber sofort nach Nicht-Muttersprachler — und im Vortrag fällt das stärker auf als jeder Grammatikfehler.
Wenn du das systematisch üben willst, nimm einen eigenen deutschen Fachtext und übersetze ihn zweimal: einmal streng verbal, einmal streng nominal. Der Vergleich zeigt schneller als jede Regel, wo Verdichtung hilft und wo sie den Satz erstickt.
Häufige Fragen
- Ist Nominalisierung im Englischen nicht schlechter Stil?
- Nicht generell. Im englischen Fach-, Wissenschafts- und Wirtschaftstext ist der Nominalstil die Normalform und wirkt sachlich statt schwerfällig. Schlecht wird er erst, wenn das Hauptverb keinen Inhalt mehr trägt oder sich mehr als zwei of-Fügungen aneinanderreihen. Die deutsche Schulregel „schreib in Verben“ lässt sich also nicht eins zu eins übertragen.
- Wann nehme ich -ing und wann -tion?
- Das Gerundium auf -ing bleibt näher am Vorgang und wirkt konkreter: the closing of the factory beschreibt den Ablauf. Die Form auf -tion oder -ment bezeichnet eher das Ergebnis oder den institutionellen Akt: the closure of the factory. Beide sind korrekt, sie setzen nur einen anderen Schwerpunkt.
- Warum heißt es the discussion of the proposal und nicht the discussion the proposal?
- Ein Nomen kann im Englischen kein direktes Objekt regieren, ein Verb schon. Deshalb braucht das ehemalige Objekt eine Präposition, meist of. Im Deutschen übernimmt der Genitiv diese Aufgabe ohne Präposition, und genau daher stammt der Fehler.
- Genitiv-s oder of bei nominalisierten Sätzen?
- Bei Personen, Organisationen und Ländern steht meist das Genitiv-s: the minister's resignation. Bei Sachen und abstrakten Größen steht of: the collapse of the system. Die jeweils andere Form ist oft möglich, klingt aber entweder journalistischer oder förmlicher.
- Wie erkenne ich, dass mein Text zu nominal geworden ist?
- Zähle die Vollverben. Wenn in einem Absatz fast nur is, has, make, carry out und result in vorkommen, steckt der Inhalt komplett in den Nomen. Dann lohnt es, eine oder zwei Nominalisierungen wieder in Verben zurückzubauen — der Rest darf bleiben.
Passt dazu
- Abschwächung — hedging und vorsichtiges Formulieren im EnglischenWarum It might be worth considering im Englischen normal ist und die direkte deutsche Übertragung unhöflich wirkt, ohne dass du es merkst.
- altertümliche Formen — thou, shall und whom im heutigen EnglischWo dir thou, thee, shall und whom heute noch begegnen, was sie bedeuten und welche dieser Formen du selbst benutzen solltest.
- Bindewörter der Ergänzung — moreover, furthermore, in additionWann moreover, furthermore und in addition stehen, wie sie interpunktiert werden und warum außerdem alle drei zugleich übersetzt.
- Bindewörter des Gegensatzes — however, whereas, neverthelessWelches Wort einen Nebensatz einleitet und welches ein eigener Satzverbinder ist, warum however he was tired falsch ist und wie die Kommas sitzen.
- Bindewörter des Grundes — because, since, as und due toWann because steht und wann since oder as, warum due to ein Nomen verlangt und wie sich das vom deutschen weil unterscheidet.
- britisch gegen amerikanisch — Grammatik, nicht nur WortschatzDie Unterschiede reichen tiefer als lift und elevator: Zeitformen, Sammelbegriffe, Verbformen, Präpositionen und der Konjunktiv.