Das kannst du danach
- Du wählst Present Simple, Simple Past und Present Perfect nach ihrer Funktion im Text.
- Du entscheidest begründet zwischen Passiv und we statt nach Gewohnheit.
- Du formulierst unpersönlich, ohne den Satz unverständlich zu machen.
- Du schwächst Behauptungen so ab, wie es englische Fachtexte verlangen.
- Du erkennst, dass die Konventionen je nach Fach und Zeitschrift abweichen.
Eine Warnung vorweg: Konventionen sind fachabhängig
Über akademisches Englisch kursieren Regeln, die als Naturgesetze auftreten und in Wahrheit Hausordnungen sind. Nie ich schreiben. Immer Passiv. Keine Kurzformen. Keine Phrasal Verbs. Das meiste davon stimmt für manche Fächer und stimmt für andere nicht. In der experimentellen Biologie ist das Passiv im Methodenteil Standard; in der Linguistik und der Ökonomie ist we in weiten Teilen üblich; in der Philosophie kommt I regelmäßig vor. Wer eine Zeitschrift beliefert, liest deren Vorgaben und drei Aufsätze daraus. Das ersetzt jede allgemeine Regel.
Was dagegen stabil ist, sind die grammatischen Werkzeuge und ihre Wirkung. Ein Passiv schiebt den Handelnden aus dem Blick, immer und in jedem Fach. Ein Present Simple hebt eine Aussage aus der Zeit heraus. Ein Hedge macht eine Behauptung angreifbar weniger. Diese Wirkungen kann man lernen; welche davon in einem bestimmten Fach erwünscht ist, muss man nachsehen. Genau so ist dieses Kapitel gebaut.
Für Deutschsprachige kommt eine zweite Ebene hinzu. Deutsche Wissenschaftssprache hat eigene Gewohnheiten, die man unbemerkt mitnimmt: sehr lange Sätze, tiefe Nebensatzketten, hohe Nominalisierungsdichte, das unpersönliche man, Verweise wie im Folgenden und wie oben gezeigt. Vieles davon lässt sich übersetzen, aber nicht alles wirkt im Englischen gleich. Englische Fachprosa ist im Durchschnitt kürzersatzig und verbnäher, als deutsche akademische Sozialisation vermuten lässt.
Und noch etwas: Akademisches Englisch ist nicht einfach die formellste Stufe des Registers. Es ist ein eigenes Register mit eigenen Zügen — vorsichtig in der Behauptung, streng in der Struktur, aber keineswegs geschwollen im Wortschatz. Gute Fachtexte sind sprachlich schlicht. Das überrascht viele beim ersten genauen Hinsehen.
Tempuswahl: welcher Satz in welcher Zeit steht
Die Tempuswahl ist im akademischen Englisch kein Stil, sondern Information. Sie sagt dem Lesenden, ob eine Aussage als allgemein gültig, als Ergebnis einer bestimmten Untersuchung oder als Forschungsstand behauptet wird. Drei Zeitformen tragen fast alles: Present Simple, Simple Past und Present Perfect.
Present Simple steht für alles, was über den einzelnen Fall hinaus gilt: bekannte Sachverhalte, Definitionen, Aussagen über den vorliegenden Text selbst und — das überrascht viele — für den Inhalt von Quellen, wenn man ihn als weiterhin geltend darstellt. Water boils at 100 degrees. This paper argues that … Smith (2019) distinguishes three types. Auch die Beschreibung von Abbildungen steht im Present: Table 2 shows the distribution.
Simple Past steht für die eigene Untersuchung und für abgeschlossene Einzelereignisse: We collected data from 240 participants. The samples were stored at four degrees. Respondents reported higher satisfaction. Auch Ergebnisse anderer Studien stehen im Past, wenn man sie als das darstellt, was damals gemessen wurde: Miller (2014) found no correlation. Der Unterschied zwischen found und finds ist keine Laune, sondern eine Positionierung: finds behandelt die Aussage als weiterhin gültig, found als historisches Ergebnis.
Present Perfect trägt den Forschungsstand: Several studies have shown that … Research has focused mainly on urban areas. Es bündelt viele Arbeiten ohne Datum und ist deshalb die typische Zeitform des Literaturüberblicks am Anfang. Hier täuscht das Deutsche massiv, weil das deutsche Perfekt vor allem gesprochene Vergangenheit ist und keine solche Funktion trägt. Wer aus dem Deutschen übersetzt, landet fast immer beim Past, wo Englisch das Perfect verlangt.
| Textteil | Zeitform | Beispiel |
|---|---|---|
| Allgemein Gültiges | Present Simple | Enzymes lose activity above 60 °C. |
| Forschungsstand | Present Perfect | Little attention has been paid to rural areas. |
| eigene Methode | Simple Past | Participants were interviewed twice. |
| eigene Ergebnisse | Simple Past | Scores dropped in the second round. |
| Deutung der Ergebnisse | Present Simple | These findings suggest a threshold effect. |
| Verweis auf den Text | Present Simple | Section 4 discusses the limitations. |
| Ausblick | will / may | Further work will need to address … |
Passiv gegen we
Kein anderes Thema wird beim akademischen Schreiben so hart und so schlecht begründet diskutiert. Das Passiv tut genau eine Sache: Es macht das Objekt zum Subjekt und erlaubt, den Handelnden wegzulassen. The samples were heated for two hours. Wer geheizt hat, ist gleichgültig — und das ist im Methodenteil oft tatsächlich so, weil die Methode reproduzierbar sein soll und nicht personengebunden.
Die Gegenposition hat ebenfalls gute Gründe. Ein durchgehendes Passiv verlängert Sätze, verschiebt das Verb nach hinten und verschleiert, wer welche Entscheidung getroffen hat. Gerade dort, wo eine Entscheidung begründet werden soll, ist we klarer: We excluded four cases because the recordings were incomplete. Das Passiv würde hier verbergen, dass es eine Wahl war. Viele Zeitschriften verlangen inzwischen ausdrücklich we in Methoden- und Diskussionsteil.
Praktisch führt das zu einer Mischung, nicht zu einer Entscheidung für immer. Faustregel: Passiv, wenn der Vorgang wichtiger ist als der Ausführende; we, wenn eine Entscheidung, ein Argument oder ein Beitrag benannt wird. Genau diese Steuerung leistet auch die Informationsverteilung im Satz — das Passiv setzt das bekannte Element nach vorn und ist damit ein Mittel der Kohäsion, siehe Kohäsion und die feineren Fälle im fortgeschrittenen Passiv.
Eine besondere Rolle spielt das Passiv mit Verben des Sagens: It has been argued that …, The model is assumed to be stable. Diese Konstruktion, die das Passiv mit Verben des Sagens genauer behandelt, ist im akademischen Englisch allgegenwärtig, weil sie eine Behauptung referiert, ohne sie jemandem zuzuschreiben. Sie ist mächtig und wird missbraucht: Wer nie sagt, wer etwas behauptet hat, schreibt am Ende einen Text ohne Verantwortliche.
Unpersönlichkeit — und ihre Grenzen
Neben dem Passiv kennt das Englische mehrere Wege, ohne Personen auszukommen. Der erste ist das vorangestellte it: It is important to note that …, It remains unclear whether … Diese Konstruktion ist der englische Ersatz für vieles, was das Deutsche mit es oder man erledigt. Der zweite ist das Subjekt aus der Sache: The data suggest, This study examines, Table 3 indicates. Englische Fachtexte lassen erstaunlich häufig Gegenstände handeln, und das ist idiomatisch, nicht falsch.
Der dritte ist die Nominalisierung: Statt eines Verbs steht das zugehörige Nomen, und der Handelnde verschwindet mit dem Verb. The introduction of the new scheme led to a decline in participation. Deutschsprachige beherrschen dieses Mittel ohnehin, meist zu gut. Denn die Nominalisierung ist der Punkt, an dem deutsche akademische Prosa im Englischen wirklich schiefgeht: Zu viele Nomen hintereinander ergeben komplexe Nominalphrasen, die grammatisch korrekt und trotzdem kaum lesbar sind.
Das deutsche man hat übrigens keine gute Entsprechung. one ist im britischen Englisch möglich, klingt aber gehoben bis steif und ist im amerikanischen selten. you ist zu locker für Fachtexte. Die üblichen Auswege sind Passiv, it-Konstruktion oder eine sachliche Formulierung mit researchers, participants, the model. Wer man mit one übersetzt, produziert oft genau den altmodischen Ton, den er vermeiden wollte.
Und die Grenze: Unpersönlichkeit ist kein Selbstzweck. Ein Satz wie It was decided that the second condition would not be included verschweigt eine Entscheidung, für die jemand einstehen müsste. Gute Gutachter erkennen das sofort. Die Frage lautet nicht, wie man Personen loswird, sondern ob die Person an dieser Stelle Information trägt.
| Deutsch | Englisch, unpersönlich | Hinweis |
|---|---|---|
| Man nimmt an, dass … | It is assumed that … | Standardlösung |
| Es zeigt sich, dass … | The results show that … | Sache als Subjekt |
| Wir haben gemessen … | Measurements were taken … | Methodenteil |
| Wir haben uns entschieden … | We decided to … | Entscheidung: besser aktiv |
| Im Folgenden wird gezeigt … | Section 3 shows … | Textverweis konkret machen |
| Man kann sagen, dass … | Arguably, … | kürzer und idiomatischer |
Vorsichtig behaupten: Hedging
Englische Fachtexte behaupten selten geradeheraus. Sie stufen ab: may, might, could, appear to, tend to, suggest, indicate, largely, in most cases, under these conditions. Das ist keine Unsicherheit, sondern Präzision — die Aussage wird auf das eingegrenzt, was die Daten hergeben. Systematisch behandelt das die abschwächende Sprache, und im akademischen Kontext ist sie kein Zierrat, sondern Pflichtprogramm.
Der Unterschied zwischen prove, show, suggest und indicate ist dabei eine echte Skala. Eine einzelne Studie proves fast nie etwas; sie suggests oder indicates. Wer zu stark formuliert, wird im Begutachtungsverfahren zuverlässig zurechtgewiesen. Deutschsprachige neigen hier zur Übertreibung nach oben, weil deutsche Fachsprache Behauptungen oft direkter setzt und Vorsicht eher über Konjunktiv oder Modalpartikeln regelt, die es im Englischen so nicht gibt.
Umgekehrt gibt es das Zuviel. Ein Satz wie It could perhaps be argued that there may possibly be some indication of a slight tendency sagt nichts mehr. Eine Abstufung pro Aussage genügt in aller Regel. Wer drei Hedges stapelt, wirkt nicht sorgfältig, sondern ängstlich, und Gutachter streichen das.
Zum Hedging gehört die Gegenbewegung: Stellen, an denen man deutlich wird. Der eigene Beitrag, die Forschungslücke und die Kernaussage der Diskussion vertragen klare Formulierungen. Diese Wechsel zwischen Vorsicht und Deutlichkeit strukturieren einen Text mehr, als Deutschsprachige zunächst annehmen — und sie werden im Englischen oft mit Bindewörtern des Gegensatzes markiert: However, the present data show clearly that …
Satzbau, Verweise und Sauberkeit
Ein englischer Fachsatz ist im Schnitt kürzer als ein deutscher. Die Faustregel lautet: ein Gedanke pro Satz, das Verb früh, lange Zusätze nach hinten. Wer einen deutschen Satz mit drei eingeschobenen Nebensätzen übersetzt, sollte ihn in zwei bis drei englische Sätze zerlegen. Das ist kein Verlust an Tiefe, sondern der Normalfall englischer Fachprosa.
Textverweise funktionieren im Englischen konkreter. Statt wie oben erwähnt schreibt man as noted in Section 2 oder benennt die Sache. Statt im Folgenden schreibt man The next section examines … Diese Konkretheit hängt mit dem Kohäsionsverhalten des Englischen zusammen: Der Lesende soll nicht suchen müssen. Wer aus dem Deutschen kommt, hat hier eine Gewohnheit abzulegen.
Zwei formale Punkte, die auffallen. Erstens Kurzformen: In Fachtexten stehen sie nicht, don't wird zu do not. Zweitens die Zeichensetzung, insbesondere Kommas vor Relativsätzen und in Aufzählungen; die Regeln der englischen Kommasetzung weichen deutlich von den deutschen ab und sind in Begutachtungen ein häufiger Kritikpunkt. Dazu kommt die Entscheidung für eine Variante — britisch oder amerikanisch — und deren konsequente Durchführung von der Schreibweise bis zum Datum.
Wer tiefer einsteigt, findet im wissenschaftlichen Englisch die Feinheiten einzelner Textsorten, vom Abstract bis zum Antwortschreiben an Gutachter. Für den Anfang genügt dieser Satz: Wähle das Tempus nach der Funktion, das Passiv nach dem Informationswert, den Hedge nach der Datenlage — und sieh in deinem Fach nach, bevor du eine dieser Regeln für allgemein hältst.
Häufige Fragen
- Darf man in englischen wissenschaftlichen Texten I oder we schreiben?
- Das hängt vom Fach und von der Zeitschrift ab. In vielen Naturwissenschaften ist we im Methoden- und Diskussionsteil inzwischen üblich, in einigen Fächern weiterhin unerwünscht. I ist seltener, in Geisteswissenschaften aber normal. Verbindlich sind die Autorenhinweise der Zeitschrift und der Sprachgebrauch der dort erschienenen Aufsätze.
- Welche Zeitform steht im Methodenteil?
- Simple Past, weil es die eigene, abgeschlossene Untersuchung beschreibt: Participants were recruited, Samples were analysed. Present Simple bleibt für allgemein Gültiges und für Beschreibungen von Abbildungen und Tabellen. Die Deutung der Ergebnisse steht dagegen meist im Present Simple.
- Wann steht Present Perfect statt Simple Past?
- Wenn der Forschungsstand als Ganzes gemeint ist, ohne Bezug auf einzelne datierte Studien: Several studies have examined this effect. Sobald eine bestimmte Arbeit mit Autor oder Jahr genannt wird, steht in der Regel Simple Past: Miller (2014) found no effect. Das deutsche Perfekt hilft bei dieser Unterscheidung nicht.
- Wie übersetzt man das deutsche man in einem Fachtext?
- Meist gar nicht wörtlich. Üblich sind das Passiv, eine it-Konstruktion wie It is assumed that oder eine Sache als Subjekt, etwa The data suggest. one ist im britischen Englisch möglich, wirkt aber gehoben, you ist zu locker. Die Wahl hängt davon ab, ob der Handelnde Information trägt.
- Ist zu viel Passiv ein Fehler?
- Kein Grammatikfehler, aber ein Stilproblem. Durchgehendes Passiv verlängert Sätze und verschleiert Entscheidungen. Sinnvoll ist es, wenn der Vorgang wichtiger ist als der Ausführende oder wenn das bekannte Element an den Satzanfang soll. Wo eine Entscheidung begründet wird, ist die aktive Formulierung meist klarer.
Passt dazu
- Abschwächung — hedging und vorsichtiges Formulieren im EnglischenWarum It might be worth considering im Englischen normal ist und die direkte deutsche Übertragung unhöflich wirkt, ohne dass du es merkst.
- altertümliche Formen — thou, shall und whom im heutigen EnglischWo dir thou, thee, shall und whom heute noch begegnen, was sie bedeuten und welche dieser Formen du selbst benutzen solltest.
- Bindewörter der Ergänzung — moreover, furthermore, in additionWann moreover, furthermore und in addition stehen, wie sie interpunktiert werden und warum außerdem alle drei zugleich übersetzt.
- Bindewörter des Gegensatzes — however, whereas, neverthelessWelches Wort einen Nebensatz einleitet und welches ein eigener Satzverbinder ist, warum however he was tired falsch ist und wie die Kommas sitzen.
- Bindewörter des Grundes — because, since, as und due toWann because steht und wann since oder as, warum due to ein Nomen verlangt und wie sich das vom deutschen weil unterscheidet.
- britisch gegen amerikanisch — Grammatik, nicht nur WortschatzDie Unterschiede reichen tiefer als lift und elevator: Zeitformen, Sammelbegriffe, Verbformen, Präpositionen und der Konjunktiv.