Das kannst du danach
- Du liest thou, thee, thy und die Verbendungen -est und -eth ohne Wörterbuch.
- Du erkennst shall in seiner alten und in seiner heutigen Verwendung.
- Du weißt, dass whom die einzige dieser Formen ist, die du aktiv brauchst.
- Du ordnest altertümliche Formen den Textsorten zu, in denen sie vorkommen.
- Du vermeidest den Fehler, diese Formen für Höflichkeit oder Eleganz einzusetzen.
Warum diese Formen überhaupt noch begegnen
Englisch hat in vierhundert Jahren mehr Formen abgeworfen als das Deutsche, aber es hat sie nicht restlos gelöscht. Sie leben in Texten weiter, die aus konservativen Gründen nicht neu geschrieben werden: Kirchenlieder, Bibelübersetzungen, Gebetsformeln, Eheversprechen, Gerichtsformeln, Vereidigungen, Hymnen und die Schullektüre Shakespeare. Wer mit englischer Kultur zu tun hat, stolpert zwangsläufig über sie.
Für Deutschsprachige ist die Lage angenehmer, als sie aussieht. Unsere Sprache hat vergleichbare Reste, und sie sind uns vertraut: du seiest, so er denn wolle, wes Brot ich esse, die Formen aus Luthers Bibel und aus alten Rechtsformeln. Wir lesen sie, ohne sie zu benutzen, und genau dieses Verhältnis ist auch das richtige zum englischen thou.
Der Unterschied liegt in der Verwechslungsgefahr. Weil ihr englischer Klang feierlich wirkt, halten manche Lernende diese Formen für gehobenes, besonders höfliches Englisch. Das ist ein Missverständnis mit peinlichen Folgen. Wer in einer geschäftlichen E-Mail thou schreibt, klingt nicht förmlich, sondern wie eine schlechte Theaterparodie.
Die Regel für dieses gesamte Kapitel lautet deshalb: erkennen ja, verwenden nein. Mit genau einer Ausnahme, nämlich whom, das noch lebt und das du beherrschen solltest. Alles andere gehört in die passive Kompetenz, so wie die alten deutschen Formen auch.
| Alte Form | Heute | Funktion | Wo man sie trifft |
|---|---|---|---|
| thou | you | Subjekt, Einzahl, vertraut | Bibel, Gebet, Shakespeare |
| thee | you | Objekt, Einzahl | Kirchenlied, Trauformel |
| thy / thine | your / yours | Possessiv | Psalmen, Hymnen |
| ye | you | Anrede Mehrzahl | ältere Bibeltexte |
| thou hast | you have | Verb bei thou | Shakespeare |
| he hath / doth | he has / does | 3. Person Einzahl | Bibel, Barockprosa |
| whom | who | Objektfall | heute noch aktiv |
thou, thee, thy und die verlorene Vertraulichkeit
Das Englische hatte einmal, was das Deutsche noch hat: eine Unterscheidung zwischen vertrautem und höflichem Du. thou war das vertraute Du für eine Person, you die höfliche und die Mehrzahlform. Im Lauf des siebzehnten Jahrhunderts verdrängte you das thou vollständig, und übrig blieb eine Sprache, die zwischen du und Sie nicht mehr unterscheidet.
Damit dreht sich die Wirkung um. Weil thou heute nur noch in alten religiösen Texten vorkommt, klingt es für moderne Ohren feierlich und erhaben, obwohl es ursprünglich das Gegenteil war: die vertraute, intime, teils herablassende Anrede. Ein Gebet mit thou spricht Gott nicht förmlich an, sondern nah, so wie das deutsche Gebet ebenfalls duzt.
Die Formen sind schnell gelernt, weil sie den Personalpronomen und den Objektpronomen genau parallel laufen. thou ist Subjekt, thee ist Objekt, thy steht vor Konsonanten und thine vor Vokalen und als selbständige Form. Thou art my friend, I give thee my word, thy name, that book is thine. Mehr Formenlehre braucht es nicht.
Dazu gehören die Verbendungen. Nach thou trägt das Verb -st oder -est: thou hast, thou art, thou goest, thou knowest. In der dritten Person Einzahl stand statt -s die Endung -eth: he hath, she doth, it giveth. Wer diese beiden Endungen erkennt, liest die meisten alten Texte flüssig, denn abgesehen davon ist der Wortschatz erstaunlich nah am heutigen Englisch.
shall: die verschobene Bedeutung
shall ist der interessanteste Fall, weil es nicht ausgestorben, sondern verschoben ist. Ursprünglich war es das normale Zukunftshilfsverb der ersten Person: I shall go, we shall see. Die Schulgrammatiken des zwanzigsten Jahrhunderts lehrten das noch als Regel, und britische Sprecher älterer Generationen halten sie stellenweise.
Heute ist will in allen Personen die Normalform, und shall hat sich auf drei Nischen zurückgezogen. Erstens Vorschläge und Angebote in Fragen: Shall I open the window. Shall we start. Das ist völlig lebendiges britisches Alltagsenglisch und im amerikanischen Englisch weitgehend durch should ersetzt. Zweitens feierliche Aussagen: We shall overcome. Und drittens Rechtstexte.
Der dritte Fall ist der handfesteste. Im juristischen Englisch bezeichnet shall keine Zukunft, sondern eine Verpflichtung: The tenant shall maintain the property heißt nicht, dass er es tun wird, sondern dass er es tun muss. Es ist in dieser Verwendung ein reines Pflichtwort, ungefähr das, was sonst must und have to leisten, und moderne Ratgeber für klare Rechtssprache empfehlen, es genau deshalb durch must zu ersetzen.
Für Deutschsprachige liegt hier eine doppelte Falle. Erstens klingt shall wie soll, was semantisch teilweise stimmt und die Verwendung als Zukunftsform verdeckt. Zweitens lernen viele in der Schule noch die alte Regel I shall und wenden sie in Situationen an, in denen sie heute steif wirkt. Wer im Zweifel ist, nimmt will und stellt Vorschläge mit shall we.
| Satz | Bedeutung | Heute üblich |
|---|---|---|
| I shall return. | Zukunft, feierlich | I will return. |
| Shall I help you? | Angebot | lebendig, BE |
| Shall we go? | Vorschlag | lebendig, BE; AE oft should we |
| The buyer shall pay within 30 days. | Verpflichtung | juristisch; klarer: must |
| You shall not pass. | Verbot, feierlich | zitathaft |
| We shall see. | Redewendung | fest, unverändert |
whom: die einzige Form, die du wirklich brauchst
whom ist der letzte Rest des englischen Kasussystems bei den Fragepronomen. Es ist der Objektfall von who und damit funktional das, was im Deutschen der Dativ und der Akkusativ leisten: wem und wen. Anders als thou ist es nicht ausgestorben, sondern nur aus der gesprochenen Sprache verschwunden.
In geschriebener Prosa lebt es weiter, und nach einer Präposition ist es unersetzlich. To whom it may concern, for whom the bell tolls, with whom did you speak. Diese Verbindung ist der harte Kern, alles andere ist Ermessen. Wie sich das im Satzbau auswirkt und wann du die Präposition nach vorn ziehst, steht ausführlich bei den Relativsätzen fortgeschritten.
Bei indirekten Fragen ist whom besonders auffällig, weil dort die Wortstellung ohnehin schon schriftsprachlich ist. She asked whom I had seen. Im Gespräch würde jeder who sagen, in einem Bericht wirkt whom passend. Wer sich unsicher ist, macht die Probe mit he und him: Passt him, gehört whom hin.
Was du unbedingt vermeiden solltest, ist das hyperkorrekte whom als Subjekt. Sätze wie the man whom said that oder I don't know whom will come sind falsch, und sie entstehen fast immer, wenn jemand formell klingen will. Ein falsches whom fällt stärker auf als ein fehlendes, weil es zeigt, dass die Form nicht verstanden, sondern nur gehört wurde.
Wo man diesen Formen heute begegnet
Kirche und Liturgie sind der größte Fundort. Das Book of Common Prayer und die King-James-Bibel prägen bis heute den Klang englischer Feierlichkeit, und viele Wendungen sind daraus in die Alltagssprache gewandert. Wer englische Kirchenlieder singt oder eine traditionelle Trauung erlebt, hört thee, thy und wilt in konzentrierter Form.
Der zweite Fundort ist die Rechtssprache. Neben shall halten sich dort hereinafter, thereof, hereto, aforesaid und witnesseth, dazu Satzbauten, die aus dem achtzehnten Jahrhundert stammen. Das ist keine Nostalgie, sondern Vorsicht: Formulierungen, deren Auslegung gerichtlich geklärt ist, wechselt man ungern gegen frischere aus.
Der dritte Fundort ist die Schullektüre. Shakespeare wird im englischsprachigen Raum wie im deutschen Englischunterricht gelesen, und dort begegnet man den Formen im dichtesten Zustand. Dazu kommen Zitate, die niemand mehr als alt empfindet, weil sie längst Redewendungen sind, und die eng mit der idiomatischen Grammatik verwandt sind.
Der vierte Fundort ist Ironie. Moderne Sprecher greifen zu thou, thy und -eth, um etwas komisch zu überhöhen: verily, thou hast forgotten the milk. Das funktioniert wie im Deutschen der Griff zum Kanzleiton oder zu einem barocken Genitiv. Wer den Ton nicht sicher trifft, sollte die Finger davon lassen, denn ein misslungener Scherz dieser Art liest sich als Unkenntnis.
Der Registerfehler und wie man ihn vermeidet
Der Grundirrtum ist die Gleichsetzung von alt mit höflich. Im Deutschen funktioniert diese Rechnung stellenweise, weil unsere Höflichkeitsformen tatsächlich konservativ sind. Im Englischen funktioniert sie nicht. Wer förmlich schreiben will, greift nicht zu alten Formen, sondern zu vollen Formen, längeren Wörtern und indirekten Konstruktionen. Wie das im Einzelnen aussieht, beschreibt die Lektion zum Register.
Ein zweiter Irrtum betrifft die Feierlichkeit von Reden. In einer Ansprache klingt shall an der richtigen Stelle erhaben, aber nur, wenn der ganze Satz die Höhe trägt. Ein einzelnes shall in einem sonst nüchternen Absatz wirkt nicht würdig, sondern verirrt. Das gilt für alle rhetorischen Mittel, wie sie in den rhetorischen Strukturen beschrieben sind: Sie funktionieren als Muster, nicht als Einsprengsel.
Der dritte Punkt betrifft das Lesen alter Texte. Es lohnt sich, die häufigsten Formen einmal geordnet anzusehen, weil sie sich in wenigen Minuten erschließen und danach jeden Bibel-, Hymnen- und Shakespeare-Text um eine Hürde erleichtern. Der Aufwand ist gering, der Ertrag über Jahre verteilt beträchtlich.
Und schließlich hilft der Blick auf die verwandte Baustelle: Neben den Formen selbst gibt es Satzmuster, die aus derselben Zeit stammen und heute nur noch in festen Wendungen leben. Sie sind das Thema der Lektion über die Reste des Konjunktivs, und beide Kapitel zusammen decken ab, was ein fortgeschrittener Leser an sprachlicher Archäologie braucht.
Häufige Fragen
- Was bedeutet thou auf Englisch?
- thou ist die alte Anrede für eine einzelne, vertraute Person, also das englische Gegenstück zum deutschen du. Der Objektfall lautet thee, der Possessivbegleiter thy oder thine. Seit dem siebzehnten Jahrhundert ist die Form durch you ersetzt und lebt nur noch in Bibel, Gebet, Kirchenliedern und Shakespeare weiter.
- Sollte ich shall statt will benutzen?
- Für die Zukunft nicht mehr, will ist in allen Personen die Normalform. Lebendig bleibt shall in britischen Vorschlägen und Angeboten wie shall we start und shall I help, in feierlichen Formeln und im juristischen Englisch, wo es eine Verpflichtung ausdrückt statt einer Zukunft.
- Ist whom veraltet?
- Nein, whom ist die einzige dieser Formen, die noch aktiv gebraucht wird. In der gesprochenen Sprache ist sie fast verschwunden, in geschriebener Prosa hält sie sich, und nach einer Präposition ist sie unersetzlich: to whom, for whom, with whom. Ein falsch gesetztes whom als Subjekt fällt allerdings stärker auf als ein fehlendes.
- Was bedeutet die Endung -eth in alten Texten?
- Es ist die alte Endung der dritten Person Einzahl, an der Stelle des heutigen -s: he hath statt he has, she doth statt she does, it giveth statt it gives. Parallel dazu trägt das Verb nach thou die Endung -st oder -est: thou hast, thou goest, thou knowest.
- Klingt altes Englisch höflicher?
- Nein, das ist ein verbreitetes Missverständnis. thou war ursprünglich die vertraute, nicht die höfliche Anrede, und heute klingen diese Formen weder förmlich noch elegant, sondern schlicht historisch oder ironisch. Formelles Englisch entsteht durch volle Formen, längere Wörter und indirekte Konstruktionen, nicht durch alte Pronomen.
Passt dazu
- Abschwächung — hedging und vorsichtiges Formulieren im EnglischenWarum It might be worth considering im Englischen normal ist und die direkte deutsche Übertragung unhöflich wirkt, ohne dass du es merkst.
- Bindewörter der Ergänzung — moreover, furthermore, in additionWann moreover, furthermore und in addition stehen, wie sie interpunktiert werden und warum außerdem alle drei zugleich übersetzt.
- Bindewörter des Gegensatzes — however, whereas, neverthelessWelches Wort einen Nebensatz einleitet und welches ein eigener Satzverbinder ist, warum however he was tired falsch ist und wie die Kommas sitzen.
- Bindewörter des Grundes — because, since, as und due toWann because steht und wann since oder as, warum due to ein Nomen verlangt und wie sich das vom deutschen weil unterscheidet.
- britisch gegen amerikanisch — Grammatik, nicht nur WortschatzDie Unterschiede reichen tiefer als lift und elevator: Zeitformen, Sammelbegriffe, Verbformen, Präpositionen und der Konjunktiv.
- Diskursmarker — actually, mind you und as it were im GesprächWas actually, mind you, after all und as it were im Gespräch wirklich leisten und warum actually nicht aktuell heißt.