Das kannst du danach
- Du drückst mit may und might aus, dass etwas möglich ist.
- Du bittest mit may förmlich um Erlaubnis und kennst den Unterschied zu can.
- Du ordnest may, might, could und must auf einer Skala der Sicherheit ein.
- Du bildest may not und might not korrekt und weißt, warum mayn't nicht existiert.
- Du erkennst, warum das deutsche mögen nicht zu may wird.
Zwei Bedeutungen, ein Wort
May hat zwei Aufgaben, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Erstens die Möglichkeit: It may rain later. Zweitens die Erlaubnis: You may leave now. Beide gehen auf dieselbe Grundidee zurück — etwas steht offen, es ist nicht ausgeschlossen —, aber im Gebrauch trennen sie sich deutlich, weil sie in völlig verschiedenen Situationen vorkommen.
Might teilt nur die erste Aufgabe. It might rain later bedeutet praktisch dasselbe wie it may rain later, vielleicht eine Spur unsicherer. Für die Erlaubnis wird might dagegen kaum benutzt; wenn doch, dann in sehr förmlichen, fast altertümlichen Wendungen. Das ist der einfachste Merksatz zu diesem Paar: Beide können Möglichkeit, nur may kann Erlaubnis.
Grammatisch sind beide unauffällige Modalverben und folgen den Regeln aus dem Modalverben-Überblick. Kein to danach, kein -s in der dritten Person, kein do für Frage und Verneinung. It may be true. She might know. May I ask a question? Alles nach demselben Muster.
Might sieht aus wie die Vergangenheitsform von may und war es historisch auch. Im heutigen Englisch ist es das nicht mehr — might bezieht sich fast immer auf Gegenwart oder Zukunft. He might come tonight handelt vom Abend, nicht von gestern. Wer might automatisch als Vergangenheit liest, versteht die Hälfte der Sätze falsch.
Die Möglichkeit: may und might im Alltag
In der Bedeutung „vielleicht“ sind may und might austauschbar genug, dass du dir über die Wahl selten Gedanken machen musst. I may be late. I might be late. Beide sagen, dass es passieren kann, aber nicht sicher ist. Wenn überhaupt ein Unterschied besteht, dann dieser: may klingt etwas wahrscheinlicher und förmlicher, might etwas offener und alltäglicher.
Für Deutschsprachige ist die Konstruktion ungewohnt, weil das Deutsche für diese Bedeutung kein Modalverb benutzt, sondern ein Adverb: „Vielleicht regnet es später.“ Der englische Satz packt die Unsicherheit ins Verb statt in ein Beiwort. Wer aus dem Deutschen kommt, greift deshalb reflexhaft zu maybe und landet bei Maybe it rains later — ein Satz, der grammatisch geht, aber ungelenk klingt.
Ein stilistischer Hinweis dazu: Maybe am Satzanfang ist im gesprochenen Englisch völlig üblich, aber wenn jeder zweite Satz damit beginnt, wirkt der Text dünn. Die Modalverben sind das feinere Werkzeug. Vergleiche Maybe she knows mit She may know — der zweite Satz ist kürzer und klingt erwachsener.
Might dient außerdem dazu, einen Vorschlag vorsichtig zu machen: You might want to check the dates. That might be worth trying. Hier geht es nicht wirklich um Wahrscheinlichkeit, sondern um Höflichkeit — der Sprecher schwächt seinen Rat ab. Diese Verwendung liegt nah an should, ist aber deutlich zurückhaltender.
Die Skala der Sicherheit
Englisch stuft Vermutungen fein ab, und die Modalverben sind das Instrument dafür. Ganz oben steht must als feste Überzeugung: She must be at work, her car's gone. Darunter should als begründete Erwartung: She should be at work by now. In der Mitte may und might als offene Möglichkeit: She may be at work. Und ganz unten can't als sicherer Ausschluss: She can't be at work, it's Sunday.
Diese Skala im Kopf zu haben, ist eine der lohnendsten Investitionen auf A2-Niveau. Sie ersetzt eine Menge umständlicher Umschreibungen und macht dich in Diskussionen präziser. Statt I'm not completely sure but I think perhaps sagst du she might have missed the train — sechs Wörter, klare Abstufung.
Beachte die Asymmetrie bei der Verneinung. Das Gegenteil von must be im Sinn der Vermutung ist nicht mustn't be, sondern can't be. Und das Gegenteil von may be ist may not be — hier bleibt alles regelmäßig. Der Zusammenhang zu must und have to ist genau diese Stelle: Bei der Vermutung verhält sich must anders als bei der Pflicht.
Wer die Skala weiter ausbauen will, findet die feineren Stufen bei den Modalverben der Vermutung auf B2-Niveau. Und für Vermutungen über Vergangenes gibt es die Form might have plus Partizip: She might have forgotten. Diese Konstruktion gehört zur modalen Vergangenheit und ist auf A2 noch nicht Pflicht, begegnet dir aber ständig.
| Form | Sicherheit | Beispiel |
|---|---|---|
| must be | sehr sicher, ja | He must be tired. |
| should be | begründete Erwartung | It should be ready by five. |
| may be | offene Möglichkeit | She may be at home. |
| might be | offene Möglichkeit, vager | She might be at home. |
| could be | offene Möglichkeit | It could be a mistake. |
| can't be | sehr sicher, nein | That can't be right. |
Die Erlaubnis: may gegen can
May I use your phone? und Can I use your phone? bedeuten dasselbe und unterscheiden sich nur im Register. May ist förmlich, can ist alltäglich. In einem Bewerbungsgespräch, in einer Bank oder gegenüber jemandem, den du siezen würdest, passt may. Unter Freunden klingt es steif bis ironisch.
Die alte Schulregel, can bedeute nur Fähigkeit und may sei die einzig richtige Form für Erlaubnis, ist überholt. Sie hält sich hartnäckig, aber gesprochenes Englisch beider Varianten benutzt seit Jahrzehnten ganz überwiegend can. Welche Bedeutungen can alles abdeckt, steht in der eigenen Lektion — für Erlaubnisfragen ist es die Normalform.
Noch höflicher als beide ist could: Could I use your phone? Das ist die Standardformel, wenn du jemanden nicht kennst, und sie funktioniert in jeder Situation. Eine Stufe darüber liegt Would you mind if I …? — dort musst du aufpassen, weil die Zustimmung dann verneint ausgedrückt wird: Would you mind if I opened the window? No, not at all bedeutet Zustimmung.
In der Antwort auf eine Erlaubnisfrage ist may selten. Kaum jemand antwortet Yes, you may — das klingt nach Lehrer. Üblich sind Sure, Of course, Go ahead, Yeah, no problem. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Grammatik und Sprachgebrauch auseinanderlaufen können; mehr dazu findest du bei Register.
| Frage | Register | Situation |
|---|---|---|
| Can I sit here? | alltäglich | unter Bekannten, im Café |
| Could I sit here? | höflich | gegenüber Fremden |
| May I sit here? | förmlich | geschäftlich, gehoben |
| Do you mind if I sit here? | höflich, indirekt | wenn es stören könnte |
Verneinung und Frage
Die Verneinung lautet may not und might not. Sie werden im Regelfall nicht zusammengezogen: Ein mayn't gibt es im heutigen Englisch praktisch nicht, mightn't existiert, ist aber selten und wirkt britisch-altmodisch. Du schreibst und sagst also may not und might not in voller Länge.
Wichtig ist, was may not bedeutet. In der Möglichkeitsbedeutung heißt es „vielleicht nicht“: She may not come — vielleicht kommt sie nicht. In der Erlaubnisbedeutung heißt es „nicht dürfen“: Students may not use dictionaries in the exam. Welche der beiden gemeint ist, entscheidet der Zusammenhang, und im Zweifel weichen Sprecher auf eindeutigere Formen aus: probably won't für das eine, aren't allowed to für das andere.
Die Frage mit may ist auf die Erlaubnis beschränkt. May I come in? funktioniert. Für die Möglichkeit fragt niemand May it rain? — dafür nimmst du Do you think it will rain? oder Is it likely to rain? Auch hier gilt: Modalverben brauchen kein do, aber sie decken nicht jede Fragestellung ab. Die Regeln zu Fragen mit do gelten für alles, was kein Modalverb ist.
Might in der Frage ist noch enger. Might I …? existiert, klingt aber sehr gehoben und begegnet dir eher in älteren Romanen als im Gespräch. Für den Alltag reicht es, may, can und could als Fragewörter für Erlaubnis zu beherrschen und might der Aussage zu überlassen.
Wo das Deutsche stört
Der erste Stolperstein ist die falsche Freundschaft zwischen may und „mögen“. Sie sehen verwandt aus und sind es historisch auch, bedeuten heute aber Verschiedenes. „Ich mag Kaffee“ heißt I like coffee, niemals I may coffee. Und „möchten“ wird zu would like: I'd like a coffee. May hat mit Vorlieben nichts zu tun.
Der zweite Stolperstein ist „dürfen“. Es entspricht in der Frage may oder can, in der Aussage meistens can oder be allowed to. „Darf ich rauchen?“ ist Can I smoke here? „Hier darf man nicht rauchen“ ist You can't smoke here oder Smoking isn't allowed here. Wer statt dessen you may not smoke here sagt, wird verstanden, klingt aber nach Hausordnung.
Der dritte betrifft die Vergangenheit. „Ich durfte“ heißt nicht I might, sondern I was allowed to. Might ist keine brauchbare Vergangenheitsform mehr. I might go to the party bedeutet, dass du vielleicht hingehst — nicht, dass du gestern hingehen durftest.
Der vierte ist die Konkurrenz mit will. Für Deutschsprachige ist der Unterschied zwischen „es wird regnen“ und „es könnte regnen“ selbstverständlich, aber im Englischen mischt sich noch eine dritte Form dazwischen: It'll rain ist die Vorhersage, it may rain die Möglichkeit, und wenn eine Bedingung im Spiel ist, landest du bei den If-Sätzen Typ 1. Diese drei sauber zu trennen, ist mehr Arbeit als das Lernen der Formen selbst.
Britisch, amerikanisch und ein paar feste Wendungen
Zwischen britischem und amerikanischem Englisch gibt es hier kaum Unterschiede in der Grammatik, aber einen in der Häufigkeit: Might ist im britischen Englisch etwas verbreiteter, may im amerikanischen etwas förmlicher besetzt. Beide Varianten verstehen beide Formen ohne Weiteres, du musst dich nicht entscheiden.
Ein paar feste Wendungen lohnen sich auswendig. May as well und might as well bedeuten „dann können wir auch gleich“: We might as well take the bus, the next train isn't for an hour. Diese Wendung ist im Alltag sehr häufig und lässt sich nicht Wort für Wort übersetzen.
May steht außerdem in förmlichen Wünschen und Formeln: May I take this opportunity to thank you. In Verträgen, Hausordnungen und Ansagen begegnet es dir als reguläre Erlaubnisform: Passengers may use the quiet coach. Wer solche Texte liest, sollte may nicht als „vielleicht“ missverstehen — im Rechtstext ist es fast immer die Erlaubnis.
Und schließlich der Klassiker aus dem Prüfungsenglisch: may well. It may well be true bedeutet „es kann durchaus sein“ und ist stärker als ein bloßes may. Diese Verstärkung durch well ist eine der wenigen Stellen, an denen dir das Adverb wieder begegnet, das du bei den Adverbien als Gegenstück zu good gelernt hast — hier hat es allerdings eine eigene, idiomatische Aufgabe.
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen may und might?
- In der Bedeutung „vielleicht“ so gut wie keiner. May klingt eine Spur wahrscheinlicher und förmlicher, might etwas offener und alltäglicher, und beide sind in fast jedem Satz austauschbar. Der echte Unterschied liegt bei der Erlaubnis: Dafür wird may benutzt, might praktisch nie. Might ist heute keine Vergangenheitsform von may mehr.
- Heißt es Can I oder May I?
- Beides ist korrekt. Can I ist die normale Form im Alltag, May I ist förmlich und passt in geschäftliche oder gehobene Situationen. Am universellsten ist Could I, das in jeder Lage höflich wirkt. Die alte Schulregel, Can I sei falsch, entspricht dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr.
- Was bedeutet may not?
- Je nach Zusammenhang zweierlei. In der Möglichkeitsbedeutung heißt es „vielleicht nicht“: He may not come. In der Erlaubnisbedeutung heißt es „nicht dürfen“, meist in Regeln und Vorschriften: Visitors may not enter this area. Weil das mehrdeutig ist, weichen Sprecher im Alltag oft auf probably won't oder isn't allowed to aus.
- Kann man mayn't sagen?
- Nein, diese Kurzform ist im heutigen Englisch ausgestorben. Du schreibst und sagst may not in voller Länge. Mightn't existiert zwar, ist aber selten und wirkt britisch-altmodisch, im Alltag hörst du might not. Bei den anderen Modalverben sind die Kurzformen dagegen völlig normal: can't, mustn't, shouldn't, won't.
- Wie sagt man ich durfte auf Englisch?
- Mit was allowed to oder could, nicht mit might. I was allowed to leave early. Als Kind durfte ich lange aufbleiben wird zu As a child I was allowed to stay up late. Might ist keine brauchbare Vergangenheitsform mehr und würde als vage Möglichkeit in der Gegenwart verstanden.
- Bedeutet may dasselbe wie mögen?
- Nein, das ist eine falsche Freundschaft. Die beiden Wörter sind historisch verwandt, haben sich aber getrennt entwickelt. Für „mögen“ nimmst du like: I like coffee. Für „möchten“ nimmst du would like: I'd like a coffee. May drückt Möglichkeit oder Erlaubnis aus und hat mit Vorlieben nichts zu tun.
Passt dazu
- be used to und get used to — gewohnt sein oder sich gewöhnenWarum nach diesem to die -ing-Form steht, wie sich be used to von get used to unterscheidet und wo used to etwas ganz anderes meint.
- can — Fähigkeit, Erlaubnis und warum kein to folgtWie can gebildet wird, welche Bedeutungen es trägt und warum nach can weder ein to noch ein s stehen darf.
- Gerundium oder Infinitiv — wenn die Form den Sinn ändertstop smoking gegen stop to smoke: Bei einer kleinen Gruppe von Verben entscheidet die Form über die Bedeutung, nicht über den Stil.
- Gerundium und Infinitiv — wann -ing steht und wann toWarum ein Verb nach einem anderen Verb eine Form braucht, welche zwei zur Wahl stehen und warum nach Präpositionen immer -ing folgt.
- have got — Besitz ausdrücken, britisch gegen amerikanischWann have got statt have steht, wie du damit verneinst und fragst und warum Amerikaner es seltener benutzen als Briten.
- have something done — etwas machen lassen auf EnglischWarum Ich lasse mein Auto reparieren nicht I let my car repair heißt und wie have und get den Unterschied zwischen Auftrag und Erlebnis tragen.