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B2Verbformen und Modalverben15 Min. Lesezeit

Modalverben der Vermutung — must, might und can't als Schluss

Die Skala der Sicherheit von must be über might be bis can't be — und warum die Verneinung von must be niemals mustn't be lautet.

Das kannst du danach

  • Du ordnest must, may, might, could und can't nach dem Grad der Sicherheit ein, den sie ausdrücken.
  • Du verneinst eine Vermutung mit can't statt mit mustn't.
  • Du unterscheidest die Vermutung von der Pflicht und der Erlaubnis, obwohl dieselben Wörter im Spiel sind.
  • Du bildest Vermutungen über laufende Vorgänge mit must be doing und can't be doing.
  • Du erkennst, welche deutschen Adverbien wie bestimmt, wohl und kaum den englischen Modalverben entsprechen.

Zwei Jobs, dieselben Wörter

Englische Modalverben leisten zwei völlig verschiedene Dinge, und beide benutzen dieselben Wörter. Der erste Job ist die Pflicht, die Erlaubnis und die Fähigkeit: You must wear a helmet. You may go now. She can swim. Der zweite Job ist die Vermutung, also die Einschätzung, wie wahrscheinlich etwas zutrifft: He must be tired. She may be at home. That can't be right. Fachlich heißt das erste deontisch, das zweite epistemisch, aber die Namen braucht man nicht — die Unterscheidung schon.

Der Unterschied liegt nicht in der Form, sondern in dem, worüber gesprochen wird. Bei der Pflicht geht es um eine Handlung, die jemand ausführen soll oder darf. Bei der Vermutung geht es um einen Zustand oder Vorgang, den man nicht mit Sicherheit weiß, aber erschließt. You must be quiet ist eine Aufforderung. You must be exhausted ist eine Schlussfolgerung. Nur der Zusammenhang trennt sie, und im Zweifel hilft das Verb dahinter: Nach einem Zustandsverb wie be, know, have oder feel liegt fast immer die Vermutung vor.

Diese Doppelfunktion gibt es im Deutschen ebenfalls, nur schwächer ausgeprägt. Er muss zu Hause sein kann Pflicht oder Vermutung bedeuten, und wir merken den Unterschied an der Betonung. Für die Vermutung greifen wir aber viel lieber zu Adverbien: bestimmt, sicher, wahrscheinlich, vielleicht, kaum. Genau das ist die Wurzel des häufigsten Fehlers: Deutschsprachige übersetzen das Adverb und lassen das Modalverb weg. Statt She must be at home sagen sie She is surely at home — grammatisch möglich, aber ungewöhnlich und im Klang schräg.

Wer den allgemeinen Rahmen noch nicht kennt, sollte zuerst den Überblick über die Modalverben lesen. Dort steht auch die Grundmechanik, die hier durchgehend gilt: Nach einem Modalverb folgt der Infinitiv ohne to, es gibt kein -s in der dritten Person, und für Frage und Verneinung wird kein do gebraucht.

SatzJobBedeutung
You must wear a mask.PflichtVorschrift, Anordnung
You must be joking.Vermutungdas kann nur ein Scherz sein
She may leave early.Erlaubnissie darf früher gehen
She may be ill.Vermutungmöglicherweise ist sie krank
He can swim.Fähigkeiter kann schwimmen
He can't be serious.Vermutungdas meint er unmöglich ernst

Die Skala der Sicherheit

Die Vermutungsmodalverben bilden eine Reihe, die von fast sicher ja über möglich bis fast sicher nein reicht. Wer diese Reihe im Kopf hat, kann jede Einschätzung passend abstufen und muss nicht raten. Ganz oben steht must: der Sprecher hält es für die einzige vernünftige Erklärung. His car is outside, so he must be home. Ganz unten steht can't oder cannot: der Sprecher hält es für ausgeschlossen. She left an hour ago, she can't be home yet.

Dazwischen liegen may, might und could. Alle drei bedeuten möglicherweise, mit feinen Abstufungen. may klingt etwas sachlicher und förmlicher, might etwas vorsichtiger, could etwas offener und häufig auf eine von mehreren Möglichkeiten bezogen. He may be in a meeting. He might be in a meeting. He could be in a meeting. In der Praxis sind die drei weitgehend austauschbar; wer eine Wahl braucht, nimmt might, weil es in jeder Situation passt. Die Feinheiten zwischen den beiden ersten stehen in der Lektion zu may und might.

Eine Stufe darüber liegt should. Es beschreibt die begründete Erwartung: The parcel should arrive tomorrow — es ist so vereinbart, also gehe ich davon aus. Das ist schwächer als must und stärker als might. Die Pflicht-Bedeutung desselben Wortes steht bei should und ought to.

Wichtig ist, dass diese Skala eine Aussage über den Sprecher macht, nicht über die Welt. must be bedeutet nicht, dass etwas bewiesen ist, sondern dass der Sprecher keinen anderen Schluss sieht. Deshalb ist must be im Englischen tatsächlich schwächer als das schlichte is. He is tired ist eine Feststellung, He must be tired ist ein Schluss aus Anzeichen. Deutschsprachige empfinden das oft umgekehrt, weil muss bei uns nach Zwang und damit nach Stärke klingt.

ModalverbSicherheitBeispielDeutsch
mustsehr hoch, positivShe must be at work.sie ist bestimmt bei der Arbeit
should / ought toerwartetIt should be ready by five.es müsste um fünf fertig sein
maymöglich, sachlichHe may know the answer.er weiß es womöglich
mightmöglich, vorsichtigHe might know the answer.er weiß es vielleicht
couldmöglich, eine OptionIt could be the battery.es könnte die Batterie sein
might not / may noteher nichtShe might not come.sie kommt vielleicht nicht
can't / cannotsehr hoch, negativThat can't be true.das kann nicht stimmen

Der Kern: die Verneinung von must be ist can't be

Hier liegt der eine Punkt, an dem diese Lektion steht und fällt. Wer sagt He must be at home und das Gegenteil ausdrücken will, greift instinktiv zu He mustn't be at home. Das ist falsch, und zwar nicht ein bisschen schief, sondern bedeutungsverändernd. mustn't ist ausschließlich Verbot: You mustn't touch that heißt du darfst das nicht anfassen. Als Vermutung existiert mustn't im britischen Englisch praktisch nicht.

Die richtige Verneinung lautet can't be oder cannot be: He can't be at home, his car is gone. Der Grund ist ein sprachlicher Zufall der Geschichte, keine Logik, die man sich herleiten könnte — die Skala ist an ihren beiden Enden mit verschiedenen Wörtern besetzt. must trägt das sichere Ja, can't trägt das sichere Nein. Zusammen bilden sie ein Paar, das kein gemeinsames Grundwort hat.

Für Deutschsprachige ist das besonders tückisch, weil unsere Muttersprache genau hier ein Wort verwendet. Er muss zu Hause sein und Er kann nicht zu Hause sein benutzen zwar auch zwei Verben, aber wir bilden die Verneinung von Er muss zu Hause sein spontan als Er muss nicht zu Hause sein — und dieser Satz bedeutet bei uns tatsächlich eine schwache Verneinung der Vermutung. Genau diese Übertragung produziert den englischen Fehler.

Merksatz für die Praxis: In der Vermutung gibt es kein mustn't. Wer verneinen will, prüft zuerst, wie stark: Ist es ausgeschlossen, steht can't. Ist es nur unwahrscheinlich, steht might not oder may not. Und ist es die schwache Aussage nicht zwingend, dann geht es gar nicht mehr um Vermutung, sondern um Pflicht — und dort steht don't have to, wie in der Lektion zu must und have to beschrieben.

AussageVerneinung als VermutungFalsch
He must be ill.He can't be ill.He mustn't be ill.
She must know.She can't know.She mustn't know.
It must be the postman.It can't be the postman.It mustn't be the postman.
He might be ill.He might not be ill.He can't not be ill.

Vermutungen über laufende Vorgänge

Bis hierher standen nur Zustände im Beispiel. Geht es um etwas, das gerade abläuft, tritt die Verlaufsform hinter das Modalverb: must be doing, might be doing, can't be doing. The lights are on, so they must be working late. He's not answering, he might be driving. She can't be sleeping, I can hear the television.

Der Bau ist einfach: Modalverb, dann be, dann die -ing-Form. Das Modalverb ändert sich nie, be bleibt im Infinitiv, und die Verlaufsform trägt die Bedeutung. Diese Struktur ist im Alltag mindestens so häufig wie die einfache und wird von Lernenden oft gemieden, weil sie nach drei Verben in Folge aussieht.

Für den fertigen Vorgang steht die Perfektform: must have done, might have done, can't have done. Sie gehört systematisch hierher, hat aber genug eigene Fallstricke, um eine eigene Lektion zu füllen — nachzulesen bei den Modalverben mit have plus Partizip und, für die feineren Fälle, bei den Modalverben in der Vergangenheit. Der Bauplan bleibt derselbe: Das Modalverb steht fest, dahinter verschiebt sich der Zeitbezug.

Auch die Zukunft lässt sich vermuten. Dafür stehen may, might und could mit dem einfachen Infinitiv, denn ein Modalverb kann nicht zusätzlich will tragen: It might rain tomorrow, nicht It will might rain. Wer im selben Satz eine Vorhersage und eine Einschränkung braucht, kombiniert Modalverb und Zeitangabe: She might be back by Friday.

ZeitbezugBauBeispiel
Zustand jetztModalverb + InfinitivHe must be tired.
Vorgang jetztModalverb + be + -ingHe must be working late.
abgeschlossenModalverb + have + PartizipHe must have left.
Zukunftmay / might / could + InfinitivIt might rain later.

Der Vergleich zum Deutschen

Deutsch drückt Vermutungen bevorzugt mit Adverbien aus, Englisch bevorzugt mit Modalverben. Wo wir sagen Er ist bestimmt schon weg, sagt das Englische He must have gone. Wo wir sagen Sie ist wohl krank, sagt es She may be ill. Wer die deutschen Adverbien wörtlich übersetzt, landet bei certainly, probably und maybe — alles korrekte Wörter, die aber im Satz anders wirken: Sie klingen entweder betont oder schriftlich, während das Modalverb unauffällig bleibt.

Ein zweiter Unterschied betrifft die Stellung. Deutsche Vermutungsadverbien wandern frei im Satz: Er ist wohl zu Hause. Wohl ist er zu Hause. Englische Modalverben stehen unverrückbar an zweiter Stelle, direkt nach dem Subjekt. Ein Satz wie Must he be at home ist keine Vermutung mehr, sondern eine Frage nach der Pflicht. Wer eine Vermutung als Frage formulieren will, greift deshalb zu Could he be at home oder zu Do you think he is at home.

Ein dritter Punkt ist die deutsche Verwendung von müssen und dürfte. Er dürfte um sechs ankommen entspricht englisch He should arrive at six — nicht He may arrive, denn dürfte trägt im Deutschen eine Erwartung, keine Erlaubnis. Umgekehrt entspricht das englische may in der Vermutung fast nie dem deutschen darf. Diese Kreuzung von Wörtern ist der Grund, warum Wörterbuchgleichungen an dieser Stelle nichts taugen.

Schließlich fehlt dem Deutschen ein direkter Ausdruck für can't als Vermutung. Wir sagen Das kann nicht sein, und das passt zufällig. Aber bei Personen wird es holprig: She can't be his sister übersetzen wir eher mit Sie ist unmöglich seine Schwester oder Das ist bestimmt nicht seine Schwester. Wer diese deutsche Umschreibung mit impossible ins Englische zurückträgt, klingt gestelzt. Die knappe englische Lösung heißt immer can't.

DeutschEnglischNicht
Er ist bestimmt zu Hause.He must be at home.He is surely at home.
Sie ist wohl krank.She may be ill.She is probably ill (betont anders).
Das kann nicht stimmen.That can't be right.That mustn't be right.
Er dürfte gleich da sein.He should be here soon.He may be here soon.
Sie arbeitet wohl gerade.She must be working.She must work.

Typische Fehler

Der erste Fehler ist mustn't als Verneinung der Vermutung, ausführlich oben behandelt. Er ist so verbreitet, dass er in Prüfungen gezielt abgefragt wird. Die Gegenprobe ist einfach: Wenn sich der Satz mit ich schließe daraus umschreiben lässt, ist can't die einzige Verneinung.

Der zweite Fehler ist das doppelte Modalverb. He will must be tired und She can might come sind unmöglich, weil ein englisches Modalverb kein zweites neben sich duldet. Braucht man zwei Bedeutungen, wird eine davon umschrieben: He will have to be tired ergibt keinen Sinn, aber He'll probably be tired schon.

Der dritte Fehler ist das to nach dem Modalverb. Es heißt He must be, nicht He must to be. Einzige Ausnahmen sind die Umschreibungen ought to und have to, die das to fest eingebaut haben. Auch die dritte Person bleibt ohne -s: She must know, nicht She musts know.

Der vierte Fehler betrifft die Zustandsverben. He must be working ist richtig, He must be knowing nicht, weil know keine Verlaufsform bildet. Bei know, believe, understand, own, belong und ähnlichen Verben steht die einfache Form: He must know the answer.

Der fünfte Fehler ist die Übervorsicht. Viele Lernende benutzen nur maybe und vermeiden die Modalverben ganz. Das Ergebnis klingt unbeholfen und in geschäftlicher Kommunikation unentschlossen. Wer Einschätzungen abgeben muss, ohne sich festzulegen, findet die passenden Mittel in der Lektion zur abschwächenden Sprache und zu den Nuancen der Modalität.

Britisch, amerikanisch und Aussprache

Der wichtigste Unterschied zwischen den Varianten betrifft genau den Kern dieser Lektion. Im amerikanischen Englisch hört man gelegentlich must not als schwache Vermutung: He must not be home. Britisch ist das ungewöhnlich; dort steht can't. Wer britisch schreibt, hält sich an can't, versteht aber die amerikanische Form beim Hören.

Ein zweiter Unterschied betrifft cannot und can't. Beide sind überall richtig, cannot wirkt förmlicher und betonter. In der Vermutung ist die Kurzform can't der Normalfall, weil sie unauffälliger klingt. Die getrennte Schreibung can not gibt es nur, wenn not zu einem folgenden Ausdruck gehört, etwa in You can not only read but also write.

In der Aussprache trägt must in der Vermutung meist keinen Betonungsakzent und wird zu einem knappen /məst/ verkürzt. In der Pflicht-Bedeutung wird es dagegen häufig betont: You MUST wear a helmet. Diese Betonung ist im Gespräch oft der einzige Hinweis darauf, welcher der beiden Jobs gemeint ist. Wer beim Sprechen die Vermutung meint, spricht das Modalverb also leise und legt den Akzent auf das folgende Vollverb.

Häufige Fragen

Warum ist mustn't be falsch, wenn ich eine Vermutung verneinen will?
Weil mustn't im Englischen ausschließlich ein Verbot ausdrückt: You mustn't smoke here. Als Verneinung einer Schlussfolgerung ist es im britischen Englisch nicht gebräuchlich. Die richtige Form lautet can't oder cannot: He can't be at home. Der deutsche Satz Er muss nicht zu Hause sein führt hier direkt in den Fehler, weil er im Deutschen tatsächlich eine Vermutung sein kann.
Was ist der Unterschied zwischen may, might und could?
Alle drei bedeuten möglicherweise und sind in den meisten Sätzen austauschbar. may klingt etwas förmlicher, might etwas vorsichtiger, could stellt eher eine von mehreren Möglichkeiten in den Raum. Wer sich nicht entscheiden will, nimmt might, weil es in jeder Situation passt. Ein echter Unterschied besteht nur in der Verneinung: might not heißt möglicherweise nicht, could not heißt kann nicht sein.
Ist must be stärker oder schwächer als is?
Schwächer. He is tired ist eine Feststellung, He must be tired ist ein Schluss aus Anzeichen und lässt offen, ob er zutrifft. Deutschsprachige empfinden das oft umgekehrt, weil muss bei uns nach Zwang und damit nach Nachdruck klingt. Wer sicher weiß, dass jemand müde ist, sagt schlicht He is tired.
Wie sage ich eine Vermutung über etwas, das gerade passiert?
Mit Modalverb plus be plus -ing-Form: He must be working late. She might be driving. They can't be sleeping. Der Bau bleibt immer gleich, das Modalverb verändert sich nie. Bei Zustandsverben wie know, believe oder own entfällt die Verlaufsform, dort steht die einfache Form: He must know.
Kann ich statt der Modalverben einfach maybe oder probably nehmen?
Grammatisch ja, im Klang nein. maybe steht meist am Satzanfang und wirkt umgangssprachlich, probably trägt eine deutliche Betonung. Modalverben sind unauffälliger und lassen sich feiner abstufen. Im beruflichen Schreiben sind sie der Normalfall, weil sie eine Einschätzung markieren, ohne den Satz zu beschweren.
Heißt es He must to be tired?
Nein. Nach einem Modalverb steht der Infinitiv ohne to: He must be tired. Ein to steht nur bei den Umschreibungen, die es fest eingebaut haben, also bei ought to und have to. Auch in der dritten Person kommt kein -s dazu: She must know, nicht She musts know.

Passt dazu