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C2Stil und Register16 Min. Lesezeit

schriftlich gegen mündlich — zwei Grammatiken einer Sprache

Englisch hat zwei Bauweisen: eine für die Rede, eine für den Text. Der systematische Vergleich beider Systeme und was er für Deutschsprachige bedeutet.

Das kannst du danach

  • Du beschreibst die beiden Systeme anhand von Satzbau, Verknüpfung und Informationsdichte.
  • Du erkennst, ob ein englischer Text schriftnah oder rednah gebaut ist.
  • Du überträgst gesprochene Formulierungen zuverlässig in schriftliche und umgekehrt.
  • Du ordnest E-Mail, Chat und Vortrag zwischen den beiden Polen richtig ein.
  • Du benennst die Punkte, an denen das Deutsche eine andere Grenze zieht als das Englische.

Zwei Systeme, nicht zwei Sorgfaltsstufen

Die verbreitete Vorstellung lautet: Es gibt richtiges Englisch, und beim Sprechen erlaubt man sich davon Abweichungen. Diese Vorstellung führt in die Irre. Schrift und Rede sind zwei getrennt gebaute Systeme mit je eigenen Vorzügen. Die Rede ist unter Zeitdruck entstanden, hat einen anwesenden Gegenüber und kann Betonung, Pause und Blick mitnutzen. Der Text hat Zeit, keinen Gegenüber und nur Wörter. Aus diesen Bedingungen folgen zwei verschiedene Grammatiken.

Der Unterschied lässt sich auf einen Nenner bringen. Die Rede verteilt Information über die Zeit und verknüpft mit Verben. Der Text verdichtet Information in Nomengruppen und verknüpft mit Präpositionen und Bindewörtern. Derselbe Sachverhalt sieht deshalb völlig anders aus: Gesprochen heißt es Prices went up, so fewer people bought houses. Geschrieben heißt es The rise in prices led to a decline in house purchases. Beide Sätze sagen dasselbe. Der zweite hat fast keine Verben mehr, dafür Nomen mit Anhang.

Welche Formen im Gespräch üblich sind, beschreibt die Lektion zur gesprochenen Grammatik im Einzelnen. Hier geht es um den Vergleich: Was macht das eine System, was das andere, und wo muss man beim Wechsel etwas umbauen. Wer diesen Vergleich einmal durchschaut hat, kann gezielt zwischen den Polen wandern, statt eine Mischung zu schreiben, die weder das eine noch das andere ist.

MerkmalRednahSchriftnah
Träger der BedeutungVerbenNomen
Satzlängekurz, gereihtlang, verschachtelt
Verknüpfungand, so, but, coshowever, thus, whereas
SubjektPersonen, I und youSachverhalte, Prozesse
Dichteniedrig, redundanthoch, komprimiert
Auslassunghäufigselten

Verdichtung: das eigentliche Merkmal der Schrift

Der zentrale Vorgang beim Wechsel von Rede zu Schrift heißt Verdichtung. Was in der Rede ein ganzer Satz war, wird im Text zu einer Nomengruppe. They decided to close the plant wird zu the decision to close the plant und dann zu the plant closure decision. Jeder Schritt spart Wörter und erhöht die Dichte. Diese Umformung ist der Kern der Nominalisierung; wie weit sich Nomengruppen ausbauen lassen, zeigt die Lektion zu den komplexen Nominalphrasen.

Verdichtung hat einen Preis, und der ist der Grund, warum Verwaltungstexte so oft unlesbar sind: Sobald ein Vorgang zum Nomen wird, verschwindet, wer ihn ausgeführt hat. In they closed the plant steht der Handelnde da. In the plant closure steht er nicht mehr. Wer diese Wirkung absichtlich nutzt, betreibt Verschleierung; die Lektion zur abschwächenden Sprache zeigt, wie man das erkennt.

Das zweite Verdichtungsmittel ist die Verkürzung von Nebensätzen. Aus the report which was written by the committee wird the report written by the committee und schließlich the committee report. Die Zwischenstufen behandelt die Lektion zu den verkürzten Relativsätzen. In der Rede kommen solche Verkürzungen kaum vor, weil der Hörer sie in Echtzeit wieder auflösen müsste.

Für Deutschsprachige ist dieser Punkt vertraut und tückisch zugleich. Vertraut, weil deutsche Sachtexte ebenfalls stark nominal bauen — Verwaltungsdeutsch ist geradezu berüchtigt dafür. Tückisch, weil das Englische die Grenze früher zieht. Ein englischer Satz, der wörtlich nach deutschem Vorbild nominalisiert ist, wirkt oft schwerfälliger als sein deutsches Original, weil dem Englischen die Fälle fehlen, die im Deutschen die Bezüge markieren.

Satzbau: Reihung gegen Verschachtelung

Gesprochene Sätze werden gereiht. Ein Gedanke, ein kurzer Satz, dann and oder so, dann der nächste. Der Hörer bekommt die Teile in der Reihenfolge, in der er sie verarbeiten kann. Geschriebene Sätze werden verschachtelt: Ein Hauptsatz trägt Nebensätze, Einschübe und nachgestellte Bestimmungen. Der Leser kann zurückspringen, also darf man ihm das zumuten.

Daraus folgt eine praktische Faustregel für das Übersetzen der eigenen Gedanken. Wenn du sprichst und merkst, dass dein Satz zu lang wird, teile ihn. Wenn du schreibst und drei kurze Sätze hintereinander stehen, die alle dasselbe Subjekt haben, verbinde sie. Welche Bindewörter dafür in Frage kommen und welche Bedeutungsunterschiede sie tragen, steht in der Lektion zu den Bindewörtern des Gegensatzes.

Ein häufiger Fehler in schriftlichem Englisch von Deutschsprachigen ist die Länge ohne Struktur. Deutsche Sätze halten die Verbklammer über lange Strecken, das Verb kommt am Ende und schließt die Konstruktion. Englisch hat diese Klammer nicht. Ein langer englischer Satz braucht deshalb sichtbare Gelenke: Bindewörter, Doppelpunkte, gesetzte Kommas. Wie diese Zeichen im Englischen gesetzt werden und wo sie von der deutschen Regel abweichen, klärt die Lektion zur englischen Kommasetzung.

Umgekehrt gilt: Wer schriftliche Satzlängen ins Gespräch trägt, verliert seine Zuhörer. Ein Satz mit zwei Einschüben ist beim Hören nicht rekonstruierbar. Wer in einem Vortrag frei redet, sollte gedanklich schreiben und gesprochen bauen — kurze Einheiten, wiederholte Schlüsselwörter, wenige Verschachtelungen.

VorgangRedeText
Ursachebecause prices went upowing to the price increase
Folgeso nobody cameresulting in low attendance
Gegensatzbut the other one was cheaperwhereas the alternative was cheaper
Bedingungif you do that, thenin the event of such action
Zeitafter we'd finishedfollowing completion

Verben, Modalität, Person

Die Rede setzt Personen als Subjekt. I think, you should, we could. Der Text setzt Sachverhalte: The evidence suggests, the data indicate. Damit verschwindet der Sprecher aus dem Satz, und das ist in vielen Textsorten erwünscht. Wie weit dieser Rückzug im akademischen Schreiben geht, beschreibt die Lektion zur Grammatik des wissenschaftlichen Schreibens.

Die Modalverben verhalten sich in beiden Systemen unterschiedlich. Gesprochen tragen sie Höflichkeit und Einschätzung: could you, might be, I'd say. Geschrieben tragen sie Grade der Sicherheit und der Verpflichtung. Die feineren Abstufungen behandelt die Lektion zu den Nuancen der Modalität. Für den Wechsel ist wichtig: Gesprochenes might als vorsichtige Vermutung wird im Text oft zu may oder zu it is possible that.

Das Passiv gehört überwiegend der Schrift. In der Rede wird es meist durch ein unbestimmtes they oder you ersetzt: they've changed the rules statt the rules have been changed. Die Bandbreite der schriftlichen Formen zeigt die Lektion zum fortgeschrittenen Passiv. Wer im Gespräch durchgehend passiv formuliert, klingt wie ein vorgelesenes Rundschreiben.

Auch die Zeitformen verteilen sich ungleich. Gesprochene Erzählungen nutzen häufig das Präsens für Vergangenes: So he walks in and says nothing. Geschriebene Erzählungen halten die Vergangenheit durch; welche Formen dort tragen, steht in der Lektion zu den Zeitformen im Erzähltext. Deutschsprachige kennen dieses Erzählpräsens aus der eigenen Sprache und dürfen es im Englischen genauso benutzen.

Die Zwischenformen: E-Mail, Chat, Vortrag

Die beiden Systeme sind Pole, keine Schubladen. Dazwischen liegen die Textsorten, in denen die meiste Kommunikation stattfindet. Eine Chatnachricht ist geschrieben, folgt aber der Rede: kurze Einheiten, Auslassungen, Kurzformen. Ein Vortrag ist gesprochen, folgt aber der Schrift: geplante Struktur, ausgebaute Sätze, gesetzte Verknüpfungen. Wer nur die Pole kennt, trifft in der Mitte den Ton nicht.

Die E-Mail ist der schwierigste Fall, weil ihr Register vom Verhältnis der Beteiligten abhängt und nicht vom Medium. Dieselbe Nachricht kann an einen Kollegen rednah und an eine Behörde schriftnah formuliert sein. Welche Mittel dafür zur Verfügung stehen, behandelt die Lektion zur Grammatik der Geschäftskorrespondenz. Die Grundeinteilung der Register liefert die Lektion zu formell und informell.

Ein deutscher Sonderfall verdient Erwähnung: Im Deutschen wird das Register stark über die Anrede gesteuert, also über du und Sie. Diese Stellschraube fehlt im Englischen völlig. Das Englische regelt Nähe und Distanz über Satzbau, Modalverben und Wortwahl. Wer diese Umleitung nicht kennt, sucht die Höflichkeit an der falschen Stelle und findet sie nicht.

Praktisch hilft ein einfacher Test. Lies deinen englischen Text laut. Stolperst du, ist er zu schriftnah für den Anlass. Klingt er wie eine Nachricht an einen Freund, ist er zu rednah für ein Anschreiben. Extreme Sonderformen wie die verkürzte Schlagzeilengrammatik oder die Satzungetüme des juristischen Englisch zeigen, wie weit die Skala nach beiden Seiten reicht.

TextsorteNäher anTypisches Merkmal
Chat, KurznachrichtRedeEllipse, Kurzformen
E-Mail an KollegenRedeKurzformen, but und so
E-Mail an KundenMitteModalverben, volle Sätze
VortragMittegeplant, aber kurze Einheiten
Bericht, GutachtenSchriftNominalisierung, Passiv
VertragExtrem Schriftsehr lange Sätze, shall

Häufige Fragen

Ist geschriebenes Englisch das richtige und gesprochenes eine Abweichung?
Nein. Beide sind vollständige Systeme mit eigenen Regeln. Historisch ist die Rede sogar die Grundlage, und die Schrift hat die verdichtenden Mittel erst später entwickelt. Falsch ist nur, ein System im Bereich des anderen einzusetzen.
Woran erkenne ich, ob ein englischer Text schriftnah ist?
An der Dichte der Nomen. Zähle in einem Absatz die Vollverben. Sind es wenige und stehen dafür lange Nomengruppen mit of und Präpositionen, ist der Text schriftnah. Viele Verben, kurze Sätze und persönliche Subjekte deuten auf Rednähe.
Darf ich in einer englischen E-Mail Kurzformen wie don't benutzen?
In den meisten geschäftlichen Mails ja, sie sind der neutrale Normalfall. Vollformen wirken nachdrücklich oder distanziert. Nur in sehr formellen Schreiben, etwa an Behörden oder in juristischen Zusammenhängen, schreibt man aus.
Warum wirken meine englischen Texte oft schwerfällig?
Meist wegen zu langer Sätze ohne sichtbare Gelenke. Deutsch hält lange Sätze über die Verbklammer zusammen, Englisch nicht. Teile lange Sätze, setze Bindewörter und vermeide mehr als einen Einschub pro Satz.
Soll ich für einen Vortrag den Text ausschreiben?
Schreiben ja, ablesen nein. Ein ausgeschriebener Text folgt der Schriftgrammatik und ist beim Hören schwer zu verarbeiten. Bewährt hat sich, den Inhalt schriftlich zu klären und dann in kurzen, gereihten Einheiten frei zu sprechen.

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