Das kannst du danach
- Du unterscheidest might und could in derselben Situation nach Wahrscheinlichkeit und Art der Möglichkeit.
- Du wählst zwischen may und can nach Register statt nach Gefühl.
- Du benutzt would als Höflichkeitsmittel, ohne es mit dem Konditional zu verwechseln.
- Du erkennst, dass das deutsche können und dürfen die englische Unterscheidung nicht abbildet.
- Du stufst eine Aussage bewusst ab, statt sie unabsichtlich zu verschärfen.
Vier Wörter, eine Situation
Stell dir vor, jemand sitzt neben dir und das Telefon klingelt. Vier englische Sätze sind möglich: That may be Tom. That might be Tom. That could be Tom. That can be Tom. Der letzte ist falsch, die ersten drei sagen dasselbe und doch nicht dasselbe. Genau in diesem Abstand liegt die Modalität, um die es auf C1 geht — nicht darum, ob ein Satz richtig ist, sondern darum, wie sicher, wie höflich und wie verbindlich er klingt.
Die Grundfunktionen der Modalverben stehen im Überblick über die Modalverben, die Vermutung behandeln die Modalverben der Vermutung und die Vergangenheitsformen die modale Vergangenheit. Diese Lektion setzt das voraus und geht einen Schritt weiter: Sie fragt, welches Wort man nimmt, wenn mehrere möglich sind, und was die Wahl verrät.
Für Deutschsprachige ist das ein blinder Fleck, weil das Deutsche die Arbeit anders verteilt. Wir stufen Sicherheit über Adverbien ab: vielleicht, womöglich, wahrscheinlich, bestimmt, sicher. Das Englische kann das auch, verteilt die Arbeit aber überwiegend auf die Modalverben selbst. Wer beim Englischsprechen weiter mit maybe arbeitet und immer dasselbe Modalverb nimmt, klingt entweder unentschieden oder unabsichtlich schroff.
Die Konsequenz zeigt sich am deutlichsten im Beruf. Ein deutscher Muttersprachler schreibt You can send it by Friday und meint eine Bitte. Ein Brite liest eine Erlaubnis oder eine knappe Ansage. Gemeint war Could you send it by Friday. Der Unterschied ist ein einziges Wort, und er entscheidet über den Ton der ganzen Mail.
may und might: Grad und Register
may und might unterscheiden sich in zwei Dimensionen, und beide zählen. Die erste ist der Grad: might drückt eine etwas geringere Wahrscheinlichkeit aus als may. She may be at home klingt nach einer realistischen Möglichkeit, She might be at home klingt nach einer schwächeren. Der Abstand ist klein, aber Muttersprachler hören ihn.
Die zweite Dimension ist das Register, und sie ist die wichtigere. may gehört ins Formelle: schriftliche Berichte, Gutachten, Verträge, Ansagen. might ist die Alltagsform und in gesprochenem Englisch weit häufiger. In einer Besprechung sagt man We might need more time, in einem Bericht steht The delay may affect the schedule. Wer den Unterschied kennt, erkennt an einem einzigen Modalverb, welche Textsorte er vor sich hat.
Hinzu kommt die Erlaubnis, die nur may trägt, nicht might. You may leave now ist eine Erlaubnis in gehobenem Register. You might leave now bedeutet das nicht, sondern klingt nach einem Vorschlag mit deutlichem Beiklang. Genau daraus entsteht der häufigste deutsche Fehler in diesem Bereich, denn das deutsche dürfen deckt die Erlaubnis ab, ohne den Registerunterschied mitzuliefern. Wie die Grundformen zusammenhängen, steht in der Lektion may und might.
Britisch gegen amerikanisch: Im amerikanischen Englisch ist may in der Erlaubnisbedeutung fast verschwunden und wird durch can ersetzt. Im britischen Englisch hält sich may in Ansagen und Schriftstücken. In beiden Varianten gilt aber, dass may in einer Bitte nicht funktioniert. May you send me the file ist kein englischer Satz.
could gegen might: die zwei Arten von Möglichkeit
could und might werden oft als austauschbar gelehrt, und in vielen Sätzen sind sie es auch. Es gibt aber einen Unterschied, der auf C1 zählt: might sagt etwas über die Wahrscheinlichkeit, could sagt etwas über die theoretische Möglichkeit. This might work heißt, es ist denkbar, dass es klappt. This could work heißt, es wäre grundsätzlich ein gangbarer Weg. Der zweite Satz bewertet die Sache, der erste den Ausgang.
Am schärfsten wird der Unterschied im Verneinten, und dort ist er kein Feinschliff mehr, sondern eine echte Bedeutungsdifferenz. He might not be there heißt, möglicherweise ist er nicht da. He couldn't be there heißt, es ist ausgeschlossen, dass er da ist. Die beiden Sätze sagen fast das Gegenteil voneinander. Wer sie verwechselt, sagt in einem Bericht etwas, das er nicht belegen kann.
Ein zweiter Unterschied betrifft die Vorwurfsbedeutung. You could have told me heißt, du hättest es mir sagen können, und trägt einen Vorwurf. You might have told me heißt dasselbe und trägt denselben Vorwurf, klingt aber britischer und leiser gereizt. Beide gehören in den Bereich der Modalverben in der Vergangenheit, sind aber Musterbeispiele dafür, wie ein Modalverb den Ton trägt und nicht die Wortwahl.
Für den praktischen Gebrauch lohnt eine einfache Aufteilung. Wenn du über den Ausgang einer Sache spekulierst, nimmst du might. Wenn du eine Option beschreibst, die zur Wahl steht, nimmst du could. Wenn du eine Fähigkeit oder eine Erlaubnis meinst, nimmst du can — und dann kommt die Frage nach dem Register.
| Satz | Was er sagt | Deutsch |
|---|---|---|
| It may rain later. | realistische Möglichkeit, schriftlich | Es kann später regnen. |
| It might rain later. | etwas schwächere Möglichkeit, gesprochen | Es könnte später regnen. |
| It could rain later. | wäre denkbar, eine von mehreren Möglichkeiten | Es könnte später regnen. |
| It can rain heavily here. | allgemeine Eigenschaft, kein Einzelfall | Hier kann es stark regnen. |
| He might not know. | möglicherweise weiß er es nicht | Vielleicht weiß er es nicht. |
| He couldn't know. | es ist ausgeschlossen, dass er es weiß | Er kann es unmöglich wissen. |
can: Fähigkeit, Erlaubnis und die allgemeine Möglichkeit
can hat drei Aufgaben, und nur zwei davon decken sich mit dem deutschen können. Erstens die Fähigkeit: She can swim. Zweitens die Erlaubnis: You can go now. Drittens die allgemeine Möglichkeit, und das ist die, die Deutschsprachige übersehen. Winters here can be very cold heißt nicht, dass dieser Winter kalt sein wird, sondern dass Winter hier kalt zu sein pflegen. Das ist eine Aussage über eine Eigenschaft, nicht über einen Einzelfall.
Genau deshalb ist That can be Tom falsch. Bei einer konkreten Vermutung über einen Einzelfall steht can nicht, dort stehen may, might oder could. can bleibt der allgemeinen Aussage vorbehalten. Diese Regel hat eine wichtige Ausnahme im Verneinten und Fragenden: That can't be Tom ist richtig und heißt, das ist ausgeschlossen. Can it be true ist ebenfalls möglich. Positiv im Einzelfall geht can nicht, negativ und fragend schon.
Bei der Erlaubnis konkurriert can mit may, und die Wahl ist reine Registerfrage. Can I use your phone ist normal und in jeder Situation angemessen. May I use your phone ist förmlich und passt zu einem fremden Gegenüber, in einer Behörde oder bei einem Vorstellungsgespräch. Could I use your phone liegt dazwischen und ist die sicherste Wahl, wenn man das Register nicht einschätzen kann. Die Grundlagen dazu stehen in can.
Deutsch täuscht hier doppelt. Erstens deckt können sowohl Fähigkeit als auch Erlaubnis ab, was zufällig zu can passt. Zweitens hat das Deutsche dürfen als eigenes Wort für die Erlaubnis, aber es gibt kein englisches Wort, das nur Erlaubnis bedeutet. Wer dürfen sucht, landet bei may, be allowed to oder can — und die drei sind nicht austauschbar. In der Vergangenheit ist die Sache eindeutig: Was ich durfte, heißt I was allowed to, nicht I could.
would als Höflichkeitsmittel
would ist im Englischen nicht nur das Wort des Konditionals, sondern das wichtigste Werkzeug der Höflichkeit. I want a coffee ist grammatisch tadellos und klingt im Café unfreundlich. I would like a coffee ist die normale Form. Der Unterschied liegt nicht in der Bedeutung, sondern darin, dass would den Satz aus der direkten Gegenwart heraushebt und ihn dadurch weniger fordernd macht.
Dasselbe Prinzip trägt eine ganze Familie von Wendungen. Would you mind waiting. I would suggest a different approach. That would be difficult. It would seem that the data is incomplete. In allen Fällen könnte man would weglassen, und in allen Fällen würde der Satz schärfer. Diese Technik ist der Kern der Abschwächung, die im britischen Berufsleben nicht Beiwerk ist, sondern die Erwartung.
Für Deutschsprachige ist das kein Stilfrage, sondern eine Verständigungsfrage. Das Deutsche stuft über Partikeln ab: mal, doch, vielleicht, eben. Schick mir das mal ist freundlich. Diese Partikeln existieren im Englischen nicht, und ihre Arbeit übernehmen Modalverben und Konjunktivformen. Wer sie nicht benutzt, klingt nicht neutral, sondern hart. Das ist die häufigste unbeabsichtigte Wirkung deutscher Englischtexte überhaupt und Thema des Registers.
Eine kleine Skala für Bitten, von direkt nach höflich: Send me the file. Can you send me the file. Could you send me the file. Would you send me the file. Would you mind sending me the file. I was wondering whether you could send me the file. Alle sechs bedeuten dasselbe. In einer Mail an einen unbekannten Adressaten liegt die angemessene Stufe fast immer bei der dritten oder vierten, nicht bei der ersten.
| Stufe | Formulierung | Wirkung |
|---|---|---|
| direkt | Send me the report. | Anweisung, nur intern und vertraut |
| neutral | Can you send me the report? | normale Bitte unter Kollegen |
| höflich | Could you send me the report? | Standard in Mails nach außen |
| höflich, distanzierter | Would you send me the report? | etwas förmlicher als could |
| sehr höflich | Would you mind sending me the report? | bei heiklen oder größeren Bitten |
| maximal vorsichtig | I was wondering whether you could send me the report. | erste Kontaktaufnahme, Vorgesetzte |
Modalität ohne Modalverb
Nicht jede Abstufung läuft über ein Modalverb. Englisch hat eine zweite Ebene aus Adverbien und Wendungen, und im Schreiben trägt sie oft die Hauptlast: possibly, perhaps, presumably, arguably, apparently, seemingly, in all likelihood, it appears that, there is some evidence that. Diese Mittel lassen sich mit den Modalverben kombinieren, und das ergibt eine feinere Skala, als jedes Werkzeug allein hergäbe: The delay may possibly affect the schedule.
Vorsicht ist bei der Häufung geboten. Zwei Abschwächungen in einem Satz sind das Maximum, drei lassen den Satz aussagelos wirken. It would appear that there may possibly be some evidence of a slight delay ist ein Satz, den man in britischen Berichten tatsächlich findet, und er ist ein Beispiel dafür, wie Vorsicht in Unverbindlichkeit kippt. Das wissenschaftliche Englisch und das akademische Schreiben leben von dieser Balance.
Am anderen Ende der Skala steht die Verstärkung, und auch die läuft über Modalverben: must, will und shall. He must be exhausted ist eine Schlussfolgerung, keine Verpflichtung. That will be the postman ist eine Vermutung mit hoher Sicherheit und im britischen Alltag verbreitet. Die Abgrenzung zwischen Verpflichtung und Schlussfolgerung beschreibt die Lektion must und have to, und die Verwendung in Bedingungssätzen berührt die Bedingung ohne if.
Wer die ganze Bandbreite nutzen will, prüft beim Schreiben zwei Dinge. Erstens: Wie sicher bin ich wirklich. Zweitens: Wie sicher soll der Satz klingen. Die beiden Antworten sind nicht immer dieselbe, und die Modalverben sind der Ort, an dem diese Entscheidung sichtbar wird.
Typische Fehler deutschsprachiger Sprecher
Der erste Fehler ist die Vergangenheit von can. I could go to the party yesterday sagt nicht, dass ich hingegangen bin, sondern klingt nach einer allgemeinen Fähigkeit oder gar nach einem Konditional. Für die einmalige geglückte Handlung steht I was able to go oder I managed to go. Das deutsche ich konnte deckt beides ab und liefert deshalb keine Warnung.
Der zweite Fehler ist must not. Es bedeutet nicht muss nicht, sondern darf nicht. You mustn't tell him ist ein Verbot. Wer sagen will, dass etwas nicht nötig ist, braucht don't have to oder needn't: You don't have to tell him. Der Abstand zwischen den beiden Sätzen ist maximal, und die Verwechslung passiert regelmäßig, weil das deutsche Wort dasselbe ist.
Der dritte Fehler ist der fehlende Höflichkeitsabstand, den der vorige Abschnitt behandelt hat. Der vierte ist die doppelte Modalität: Sätze wie He will can help gibt es nicht, weil zwei Modalverben nicht nebeneinander stehen dürfen. Man weicht auf eine Umschreibung aus: He will be able to help. Dasselbe gilt für must: He will have to help.
Der fünfte Fehler betrifft die Frage. Modalverben bilden Fragen ohne do, und trotzdem hört man Do you can help me. Der Umgang mit do gilt für Vollverben, nicht für Modalverben — dort wird schlicht umgestellt: Can you help me. Diese Regel ist einfach, wird aber unter Sprechdruck oft vergessen, und sie fällt beim Zuhörer sofort auf.
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen might und could?
- might sagt etwas über die Wahrscheinlichkeit eines Ausgangs, could über die theoretische Möglichkeit oder eine Option. This might work heißt, es klappt vielleicht; this could work heißt, das wäre ein gangbarer Weg. Im Verneinten trennen sich die beiden deutlich: he might not be there heißt vielleicht nicht, he couldn't be there heißt ausgeschlossen.
- Wann nehme ich may und wann might?
- may ist förmlicher und drückt eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit aus, might ist die Alltagsform und in gesprochenem Englisch häufiger. Für eine Erlaubnis kommt nur may in Frage, nicht might. In Berichten und Ansagen steht may, in einer Besprechung might.
- Warum ist That can be Tom falsch?
- Weil can im Positiven keine Vermutung über einen Einzelfall ausdrückt, sondern eine allgemeine Möglichkeit oder eine Eigenschaft. Für die konkrete Vermutung stehen may, might oder could. Im Verneinten und in Fragen darf can dagegen stehen: That can't be Tom heißt, das ist ausgeschlossen.
- Macht would einen Satz wirklich höflicher?
- Ja, und zwar messbar in der Wirkung auf britische Ohren. would hebt den Satz aus der direkten Gegenwart heraus und nimmt ihm das Fordernde. I would like statt I want, could you statt can you, I would suggest statt I suggest. Deutschsprachige unterschätzen diesen Effekt, weil das Deutsche die Arbeit mit Partikeln erledigt, die es im Englischen nicht gibt.
- Wie sage ich auf Englisch, dass ich etwas einmal geschafft habe?
- Nicht mit could, sondern mit was able to oder managed to. I was able to catch the train heißt, ich habe ihn erwischt. I could catch the train klingt nach einer allgemeinen Fähigkeit oder nach einem Konditional. Im Verneinten ist couldn't dagegen auch für den Einzelfall in Ordnung: I couldn't catch the train.
Passt dazu
- be used to und get used to — gewohnt sein oder sich gewöhnenWarum nach diesem to die -ing-Form steht, wie sich be used to von get used to unterscheidet und wo used to etwas ganz anderes meint.
- can — Fähigkeit, Erlaubnis und warum kein to folgtWie can gebildet wird, welche Bedeutungen es trägt und warum nach can weder ein to noch ein s stehen darf.
- Gerundium oder Infinitiv — wenn die Form den Sinn ändertstop smoking gegen stop to smoke: Bei einer kleinen Gruppe von Verben entscheidet die Form über die Bedeutung, nicht über den Stil.
- Gerundium und Infinitiv — wann -ing steht und wann toWarum ein Verb nach einem anderen Verb eine Form braucht, welche zwei zur Wahl stehen und warum nach Präpositionen immer -ing folgt.
- have got — Besitz ausdrücken, britisch gegen amerikanischWann have got statt have steht, wie du damit verneinst und fragst und warum Amerikaner es seltener benutzen als Briten.
- have something done — etwas machen lassen auf EnglischWarum Ich lasse mein Auto reparieren nicht I let my car repair heißt und wie have und get den Unterschied zwischen Auftrag und Erlebnis tragen.